„Interview“ mit Alexis de Tocqeville: „Wohl der einflussreichste politische Denker der Moderne“*

*Daniel Binswanger, Publizist, in der „Weltwoche“ 06/05, S. 54

Letztes Jahr wäre Alexis de Tocqueville, der grosse französische Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen und Kritiker der Allmacht des Staates, 200 Jahre alt geworden.

Die hiesigen Medien scheuten sich offensichtlich, dieses Jubiläum zu einer Auseinandersetzung mit de Tocquevilles nach wie vor gültigen Gesellschafts-Analysen zu nutzen. Ob dieser Verzicht auf antifreiheitliche Gesinnung unserer Medienlandschaft schliessen lässt? Auf der Grundlage tatsächlicher Aussagen und Feststellungen de Tocquevilles, niedergelegt in seinen zahlreichen Schriften, hat Patrick Freudiger ein fiktives Interview mit dem bedeutenden Denker geführt.

Freiheit und Tradition

Frage: Worin liegt der Wert der Freiheit, und wie kann diese in einer freiheitlichen Staatsordnung garantiert werden?

Antwort: „Was zu allen Zeiten das Herz mancher Menschen so stark für die Freiheit eingenommen hat, sind ihre eigenen Reize, ihr eigener Zauber, ohne Rücksicht auf ihre Wohltaten; es ist die Lust, unter dem alleinigen Regiment Gottes und der Gesetze sprechen, handeln und frei atmen zu können. Wer in der Freiheit etwas anderes als sie selber sucht, ist zur Knechtschaft geboren.“ (2; S. 34)

„Ich meinerseits glaube, dass in allen Regierungen, wie immer sie seien, die Niedrigkeit sich der Stärke und die Schmeichelei der Macht beigesellen. Und ich kenne nur ein Mittel, um zu verhindern, dass die Menschen sich erniedrigen: es besteht darin, niemandem zur Allmacht die oberste Gewalt zur Entwürdigung der Menschen zu gewähren.“ (1; S. 33)

Gleichzeitig betonen Sie auch den Wert von Traditionen und Sitten.

„Die Religion, die Liebe der Untertanen, die Güte des Fürsten, die Ehre, der Familiensinn, die Provinzvorurteile, Brauch und öffentliche Meinung begrenzten die Macht der Könige und schlossen deren Staatsgewalt in einen unsichtbaren Ring ein.“ (1; S. 48f)

„Die Gesetze sind immer unbeständig, soweit sie nicht auf den Sitten ruhen; die Sitten bilden die einzige widerstandsfähige und dauerhafte Macht in einem Volk.“ (1; S. 50)

„Damit sich eine Gesellschaft bilde und erst recht, damit diese Gesellschaft gedeihe, müssen die Bürger immer durch einige Grundideen zusammengeführt und zusammengehalten werden; (…).“ (1; S. 61)

Individualismus – ein Bollwerk

Ist nicht gerade der Individualismus, wonach jeder so leben solle, wie es ihm gefällt, ein Bollwerk gegen den Totalitarismus mit dessen Uniformität?

„Der Despotismus, der seinem Wesen nach furchtsam ist, sieht in der Vereinzelung des Menschen das sicherste Unterpfand seiner Dauer und er bemüht sich gewöhnlich sehr sorgfältig, sie voneinander abzusondern.“ (1; S. 105)

„Die Menschen sind hier nicht mehr durch Kasten, Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden und sind daher nur zu sehr geneigt, sich bloss mit ihren besonderen Interessen zu beschäftigen, immer nur an sich selbst zu denken und sich in einen Individualismus zurückzuziehen, in dem jede öffentliche Tugend erstickt wird. Der Despotismus, weit entfernt gegen diese Neigung zu kämpfen, macht sie vielmehr unwiderstehlich, denn er entzieht den Bürgern jede gemeinsame Begeisterung, jedes gemeinschaftliche Bedürfnis, jede Notwendigkeit, sich miteinander zu verständigen, jede Gelegenheit zu gemeinschaftlichem Handeln; er mauert sie sozusagen im Privatleben ein.“ (2; S. 112)

Individualismus, also Selbstverwirklichung, hat viel zu tun mit Wohlstand. Welche Auswirkungen hat das Wohlstandsstreben der Menschen auf die Gesellschaft?

„Nur auf das Reichwerden bedacht, bemerken sie nicht mehr das enge Band, welches das Wohlergehen jedes einzelnen von ihnen mit dem Gedeihen aller verknüpft. Man braucht solchen Bürgern die Rechte, die sie besitzen, nicht zu entreissen; sie lassen sie selber gern fahren. Die Auswirkung ihrer politischen Rechte erscheint ihnen als eine ärgerliche Störung, die sie von ihrem Gewerbe abhält (…)“.

„Reisst in diesem Augenblick ein geschickter Ehrgeizling die Herrschaft an sich, so findet er eine offene Bahn für jegliche Machtanmassung.“ (1; S. 105)

„Die Menschen schreiten also auf zwei verschiedenen Wegen auf die Knechtschaft zu. Der Hang zum Wohlstand hält sie davon ab, sich um die Regierung zu kümmern, und die Liebe zum Wohlstand macht sie von den Regierenden immer abhängiger.“ (1; S. 108)

Grossreiche und Kleinstaaten

Wie beeinflussen Zentralisierung, Verwaltung und die Grösse eines Staates die Freiheit?

„(…) heute aber, da alle Teile des gleichen Reiches nach dem Verlust ihrer Freiheiten, ihrer Bräuche, ihrer Vorurteile und sogar ihrer Überlieferungen und ihrer Namen sich gewöhnt haben, den gleichen Gesetzen zu gehorchen, ist es nicht schwieriger, sie alle zusammen statt eine von ihnen einzeln zu unterdrücken.“ (1; S. 86)

„Die Bürger geraten immerzu unter die Kontrolle der öffentlichen Verwaltung; sie werden unmerklich und gleichsam unwissentlich gedrängt, hier täglich einige weitere Teile ihrer persönlichen Unabhängigkeit zu opfern (…).“ (1; S. 88)

„Mithin lässt sich allgemein sagen, dass nichts dem Wohl und der Freiheit der Menschen mehr entgegensteht als grosse Reiche.“ (1; S. 55)

„Daher sind die kleinen Nationen zu allen Zeiten die Wiege der politischen Freiheit gewesen.“ (1; S. 55)

Freiheit – Gleichheit

Die Französische Revolution, aus der die heutigen Staaten hervorgegangen sind, wurde unter der Losung „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ ausgelöst. Kann denn die Gleichheit nicht mit der Freiheit in Konflikt geraten?

„Es gibt in der Tat eine kräftige und berechtigte Leidenschaft für Gleichheit, die alle Menschen anspornt, stark und geachtet sein zu wollen. Diese Leidenschaft will die Kleinen in den Rang der Grossen erheben; aber im menschlichen Herzen lebt auch eine entartete Gleichheitssucht, die die Schwachen reizt, die Starken auf ihre Stufe herabzuziehen. Sie verleitet die Menschen, einer Ungleichheit in der Freiheit die Gleichheit in der Knechtschaft vorzuziehen.“ (1; S. 79)

„Nicht das werfe ich der Gleichheit vor, dass sie die Menschen zur Jagd nach verbotenen Genüssen treibt; sondern dass sie sie mit dem Begehren erlaubter Genüsse ganz und gar ausfüllt.“ (1; S. 81)

Verderblicher Wohlfahrtsstaat

Der Wohlfahrtsstaat ist ein populärer Ausdruck des Gleichheitsstrebens. Kann der Wohlfahrtsstaat denn nicht auch die Freiheit gefährden?

„Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber (…).

Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins einzelne gehend, regelmässig, vorsorglich und mild (…).

Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens mit jedem Tag wertloser und seltener; sie beschränkt die Betätigung des Willens auf einen kleinen Raum und schliesslich entzieht sie jedem Bürger sogar die Verfügung über sich selbst.“ (1; S. 114)

In einer Demokratie können die Menschen selbst ihre Freiheit erhalten. Frei will jeder sein. Gibt es auch in der Demokratie Gefährdungen der Freiheit?

„(…) Sie nehmen die Bevormundung hin, indem sie sich sagen, dass sie ihre Vormünder selber ausgewählt haben. Jeder duldet, dass man ihn fessele, weil er sieht, dass weder ein Mann noch eine Klasse, sondern das Volk selbst das Ende der Kette in den Händen hält. Bei dieser Ordnung der Dinge treten die Bürger einen Augenblick aus ihrer Abhängigkeit heraus, um deren Herren zu bezeichnen, und kehren wieder in sie zurück.“ (1; S. 115)

„Wohl billigen sie den allgemeinen Grundsatz, dass die Staatsgewalt sich nicht in private Angelegenheiten einmischen soll; jeder aber wünscht ausnahmsweise, dass sie ihm in seiner besonderen Angelegenheit helfe und er sucht die Regierung für seine Sache zu gewinnen, während er sie für sie alle anderen einschränken möchte. Da eine Menge Leute in einer Unzahl verschiedener Dinge gleichzeitig so denken, dehnt sich der Bereich der zentralen Gewalt unmerklich nach allen Seiten hin aus, obwohl jeder ihn einzuengen wünscht.“ (1; S. 101f)

Bedrohung Sozialismus

Völlige Gleichheit heisst letztlich Sozialismus. Nach welchen Mechanismen funktioniert der Sozialismus?

„Es ist kein Zweifel, dass sich der Kampf der politischen Parteien bald zwischen den Besitzenden und den Nicht-Besitzenden abspielen wird. Das grosse Schlachtfeld wird das Eigentum sein; (…).“ (zitiert nach 5; S. 117)

„So wahr ist es, dass Zentralisation und Sozialismus Produkte desselben Bodens sind; (…).“ (2; S. 117)

„Wenn ich mich nicht täusche (…) ist das erste Kennzeichen aller der Systeme, die den Namen Sozialismus tragen, ein nachdrücklicher, ständiger, übersteigerter Appell an die materiellen Begierden des Menschen.“ (zitiert in 3; S. 118)

„(…) das letzte Kennzeichen, das meiner Ansicht nach die Sozialisten aller Schattierungen und aller Schulen am stärk-sten charakterisiert: ein tiefes Misstrauen gegenüber der Freiheit, gegenüber der menschlichen Vernunft; eine tiefe Verachtung für die Person als solche, als Mensch.“ (zitiert in 3; S. 118)

Die neue Despotie

Zum Schluss: Wie charakterisieren Sie diese neue Art von Despotismus, vor dem Sie warnen?

„Käme es in den demokratischen Nationen unserer Tage zum Errichten des Despotismus, so besässe er andere Merkmale. Er wäre ausgedehnter und milder, und die Entwürdigung der Menschen vollzöge er, ohne sie zu quälen.“ (1; S. 107)

„Sobald man einen Despoten auftauchen sieht, so kann man sicher sein, bald einem Rechtsgelehrten zu begegnen, der voller Gelehrsamkeit beweisen wird, dass die Gewalt legitim ist und dass die Besiegten schuldig sind.“ (4; S. 100)

Man rufe sich in Erinnerung: Diese zeitlosen Erkenntnisse verfasste Alexis de Tocqueville vor über 150 Jahren. Vielleicht sollte heute an den Schulen mehr de Tocqueville und dafür weniger Max Frisch gelesen werden.

Patrick Freudiger

Sämtliche Textstellen zitiert aus: Gerd Habermann (Hrsg.): „Freiheit oder Gleichheit – ein Alexis de Tocqueville-Brevier, Ott-Verlag, Thun 2005“.

 

Die einzelnen Zitate werden mit einer vorangestellten Nummer zitiert und stammen aus folgenden Werken:
1) De Tocqueville, Alexis: „Über die Demokratie in Amerika“
2) De Tocqueville, Alexis: „Der Staat und die Revolution“
3) Landshut, Siegfried: „Alexis de Tocqueville. Das Zeitalter der Gleichheit. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk“. Stuttgart 1954
4) Salomon Albert: „Alexis de Tocqueville: Autorität und Freiheit“. Zürich 1935

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *