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Unter Freunden


Die Schweizer Politik treibt mitunter seltsame Blüten: Seit einiger Zeit gratuliert das Staatsfernsehen den Staatsmännern und -frauen in Bundesbern zum „Sieg“, wenn diese eine Volksabstimmung „gewonnen“ haben. Ein doppelter Warnhinweis : Einerseits auf das zu enge Verhältnis von Politik und Monopolfernsehen in der Schweiz. Andererseits auf die dominante Rolle des Bundesrates in Abstimmungskämpfen.

Wo ein Bundesrat sich mit seiner ganzen Autorität in einem Abstimmungskampf engagiert, wird das Ergebnis aber auch zu einem Votum über den Magistraten selbst. Das kann mitunter unangenehm sein, wie am vergangenen Wochenende.

An sich hätte es ein Spaziergang für Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf werden müssen: Die Vorlage über die biometrischen Pässe war wie geschaffen für einen diskussionslosen Abstimmungs-„Sieg“: Parolen wie „Reisefreiheit erhalten“ stiessen bei der urbanen Schicht auf offene Ohren. Der Tourismus befürchtete Umsatzeinbussen bei einem NEIN. Dann die Angst, ein NEIN könnte das Schengener-Abkommen gefährden. Auf der anderen Seite die Gegner: Das Referendumskomitee hatte nur wenig Ressourcen für einen Abstimmungskampf. Dieser war denn auch entsprechend flau.

Ein Spaziergang also für eine Justizministerin, sofern sie denn Rückhalt im Volk hat. Ein politischer Spiessrutenlauf allerdings, wenn einer Landesmutter der Rückhalt im Land fehlt; und so kam es, dass die biometrischen Pässe nur mit einem Zufallsmehr von 50,1% (blosse 5´500 Stimmen Differenz!) angenommen wurden. Die Mehrheit der Kantone war dagegen. Um ein Haar wäre die Vorlage als biometrischer Faux-Pas(s) in die Geschichte eingegangen.

Die Pass-Vorlage ist kein Einzelfall in der offenbar etwas verkrampften Beziehung zwischen der Justizministerin und den Stimmbürgern. Schon die Volksinitiative „für die Unverjährbarkeit pornographischer Straftaten an Kindern“ wurde von Volk und Ständen gutgeheissen – trotz Widmer-Schlumpfs NEIN-Empfehlung. Im Asylwesen hat sich der Souverän unlängst deutlich für eine Verschärfung ausgesprochen. Unter Widmer-Schlumpfs Ägide kehrt indes der Schlendrian zurück: Im 1. Quartal dieses Jahres wurden 4'938 Asylgesuche eingereicht – 77.2% mehr als im 1. Quartal 2008. Bezeichnenderweise kam auch Widmer-Schlumpfs Wahl nur dank einer christlich-sozialen Intrige zustande. Der Souverän im Gegenzug hatte sich noch gut einen Monat zuvor in den Wahlen deutlich für mehr SVP ausgesprochen.

Aber egal: Am 17. Mai gratulierte das Staatsfernsehen der Justizministerin zum „Sieg“, selbst wenn die Hälfte der Stimmbürger die Pass-Vorlage abgelehnt hatte. Eine nette Geste unter Freunden. Die Distanz zwischen Bundesbern und dem Leutschenbach ist beunruhigend kurz geworden. Die Distanz zwischen Bundesbern und dem Souverän dagegen beunruhigend weit.


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