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„Service public“-Intellektueller auf Abwegen


Kennen Sie das Schweizer Pjöngjang? Das Teheran der Eidgenossenschaft? Oder das Havanna der Alpen?

Nein? Die Schweiz zählt immerhin zwei nicht-demokratische Kantone und hunderte nicht-demokratischer Gemeinden. Das zumindest scheint Frank A. Meyer, Blick-Revolverheld und „service public“-Intellektueller, zu behaupten. In seiner Sonntagsblick-Kolumne dozierte er nämlich: „Eine Demokratie ohne Volksabstimmungen ist immer noch eine Demokratie. Eine Demokratie ohne Parlament ist keine mehr.“

Da reiben sich Glarner und Appenzeller die Augen: Hat ihnen der Blick die Demokratie aberkannt? Auch sie kennen nämlich kein Parlament. Dasselbe gilt für einen guten Teil der rund 2´700 Schweizer Gemeinden. Hier sind es Landsgemeinden bzw. Gemeindeversammlungen, welche die legislativen Geschicke in die Hand nehmen. Demokratiedefizit? Fehlanzeige!

Meyers Tendenz zu faktenresistentem Argumentieren ist nicht neu. Man erinnere sich an die Schlammlawine gegen alt Botschafter Thomas Borer; und unlängst plädierte Meyer im Sonntagsblick für eine Sammelklage gegen die Organisatoren der „Streetparade“ wegen Ruhestörung. Das Problem dabei: Die Schweiz kennt keine Sammelklagen. Aber für Weltbürger Meyer sind derartige Kleinigkeiten sekundär.

Meyers aktuelle Boulevard-Ode an das Parlament hat selbstverständlich realpolitische Hintergründe. Er will keine Volkswahl des Bundesrates („Volks-Wahlschlachten“). Micheline Calmy-Rey („aufregend, provokativ, eine starke Persönlichkeit“) wäre kaum gewählt worden, so Meyer. Wäre das so schlimm? Die Staatsfinanzen würden nicht mit „Jet Setter“-Diplomatie belastet – ein Plus auch für die Umwelt. Wer weiss: Vielleicht hätten wir sogar schon die Klimakatastrophe abwenden können. Schliesslich ist Fliegen die klimaschädlichste Fortbewegungsart. Aber bei Micheline Calmys Reisli bleibt das ökologische Hyperventilieren von links aus.

Nebenbei gesagt sind Volkswahlen der Exekutive ein bewährtes Instrument in etlichen Teilen der Schweiz – gerade in den Meyer´schen parlamentslosen Nicht-Demokratien. Nennenswerte Probleme gibt es nicht. Dafür Bürgernähe. Andererseits ist das von Meyer bei Bundesratswahlen gelobte „kühle Abwägen“ der Bundesversammlung seit dem 12. Dezember ohnehin zur Farce verkommen. Auf diesen moralischen Bankrott des Parlamentes gibt es nur eine Antwort: Volkswahl des Bundesrates.

Frank A. Meyer zieht übrigens nach Berlin. Die Stadt hat 61 Milliarden Euro Schulden (knapp 18´000 pro Einwohner); mehr als in allen Gemeinden mit Gemeindeversammlungen zusammen. Berlin hat eine Arbeitslosenquote von 13,8%, der Kanton Glarus 1,4%, Appenzell Innerrhoden nicht einmal 1%. Trotzdem: Für Meyer offenbar alles Bananenrepubliken angesichts der Weltstadt Berlin. Denn Berlin hat ein Parlament.


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