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Wir leben im Zeitalter der Flexibilität.
So weit so gut. Wo aber Personen mit Macht in den Genuss von Flexibilität
kommen, wird daraus schnell moralische Flexibilität. Nicht nur in den
Chefetagen der Grossbanken, auch in den Parteizentralen.
Nehmen wir Hans Grunder, BDP-Präsident
und Nationalrat: An der DV der BDP Kanton Bern wirbt Grunder gegen die
SP-Steuerinitiative. Die Vorlage will den Steuerwettbewerb kastrieren. Hans
Grunder also, der stramme Föderalist? Denkste! Derselbe Hans Grunder weibelt auch
für den Gegenentwurf zur Ausschaffungsinitiative. Dieser würde umfangreiche
Integrationspflichten in der Bundesverfassung statuieren, auf Kosten der Kantone.
Artikel 121a Abs. 6 des Gegenvorschlags droht: „Der Bund überprüft in
Zusammenarbeit mit den Kantonen und Gemeinden periodisch den Stand der
Integration. Werden die Anliegen der Integrationsförderung nicht erfüllt, so
kann der Bund nach Anhörung der Kantone die notwendigen Vorschriften erlassen.“ Hier wird einmal mehr ein Freipass für Eingriffe in die
kantonale Souveränität geschaffen. Mit unabsehbaren Konsequenzen.
Zurück zu Hans Grunder: Der
Emmentaler war nicht immer Gegner der Ausschaffungsinitiative. Im Jahr 2007 –
voll im Wahlkampf – verkaufte sich Hans Grunder als Anpacker und trat (damals
noch als SVPler) dem Komitee für die Ausschaffungsinitiative bei. Nach den
Wahlen ist aber nicht immer vor den Wahlen: Kaum in den Nationalrat gewählt,
wechselte Grunder nicht nur die Partei, sondern auch die Politik. Heute ist er
BDP-Präsident und Aushängeschild des Komitees für den Gegenentwurf und gegen
die Ausschaffungsinitiative. An der Medienkonferenz doziert Neo-Gegner Grunder über
die angebliche Unvereinbarkeit der Ausschaffungsinitiative mit der Personenfreizügigkeit.
Grunders Aussage hat dabei ebenso
wenig Halt wie sein Stimmverhalten. Art. 5 zu Anhang I des Personenfreizügigkeitsabkommens
räumt nämlich den Nationalstaaten explizit die Möglichkeit ein, die Freizügigkeits-Rechte
einzuschränken: Mit „Massnahmen, die aus
Gründen der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit gerechtfertigt sind“.
Kriminelle Ausländer auszuschaffen, bleibt mit dem Freizügigkeitsabkommen
also nach wie vor möglich. Dasselbe gilt bei Sozialmissbrauch: Unsere sozialen
Institutionen ertragen angesichts ihrer desolaten Finanzlage keine zusätzlichen
Geldabflüsse mehr – schon gar nicht durch Missbrauch.
Für BDP-Grunder ist die kommende Abstimmung
besonders wichtig: Ein Ja zur Ausschaffungsinitiative wäre für seine
Parteikollegin, Bundesrätin Widmer-Schlumpf, nach deren Niederlage bei der
Unverjährbarkeits- und Minarettverbots-Initiative der politische Todesstoss. Also
wird die Initiative bekämpft; und Widmer-Schlumpf geschützt. Das Ganze heisst
dann: Politik mit Anstand und Respekt. Treffender wäre: Moralisch flexibel.
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