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Klein aber fein – Lob der Gemeindevielfalt


Zeiten werden geprägt von Trends, zumindest oberflächlich. Das gilt auch in der Politik. Ein besonders aktueller politischer Trend besteht darin, Gemeinden zu fusionieren. Zwar nahm die Anzahl Gemeinden seit Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 kontinuierlich ein wenig ab, in jüngster Zeit hat indes ein richtiger Fusions-Boom eingesetzt: 1990 gab es in der Schweiz noch 3021 Gemeinden. 10 Jahre später waren es 2899. Heute ist ihre Anzahl auf 2636 gesunken. Alleine im letzten Jahr verschwanden 79 Gemeinden, so viele wie noch nie in einem Jahr seit Existenz der modernen Schweiz. Spektakulär war auch die Grossfusion im Kanton Glarus im Mai 2006, wo per Federstrich die bisherigen 25 Gemeinden auf 3 Gross-Körperschaften zwangsfusioniert wurden.

Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die Wirtschaftslandsgemeinde Oberaargau z.B. lancierte im Oktober 2008 die Idee, die bestehenden Oberaargauer Gemeinden auf bloss noch 4 zusammenzustreichen.

Ohnehin ist die Fusionsidee bei den Berner-Politikern besonders beliebt. Bereits das bestehende bernische Gemeindefusionsgesetz (GFG) drängt Gemeinden zur Fusion, indem der Kanton einerseits die Machbarkeitsstudie mitfinanziert und andererseits die Fusion selbst finanziell belohnt. Exakt seit Eintritt des GFG bekunden Gemeinden plötzlich Mühe, politische Ämter zu besetzen. Mehr als 100 bernische Gemeinden sind in irgendeiner Weise in Fusionsprojekte involviert.

Nun jedoch kennt der Kanton Bern im Ausradieren von Gemeinden scheinbar kein Halten mehr. Neu sollen nämlich sogar Zwangsfusionen von Gemeinden möglich sein. Die Bestandesgarantie für die bernischen Gemeinden würde fallen. Mit 109 zu 37 Stimmen hat der Grosse Rat eine erste Planungserklärung verabschiedet. Aufgrund der Phalanx der Fusions-Freunde, bestehend aus SP, Grünen, EVP, FDP und BDP, dürfte diese Gemeinde-Säuberung gute Aussicht auf Erfolg haben.

Heute existieren im Kanton Bern knapp 400 Gemeinden. Diese Gemeindevielfalt spiegelt letztlich auch die föderalistische Tradition des Kantons und der Schweiz wieder: Die Macht im Staat bzw. im Kanton soll auf möglichst viele Köpfe verteilt und politische Entscheide möglichst dezentral und bürgernah gefällt werden. Die Strukturen der Politik und Verwaltung sind in einem föderalistischen System weniger anonym und damit grundsätzlich effizienter. Eine Vielzahl von Gemeinden bedeutet schliesslich, dass sich auch mehr Bürger mit Politik befassen und konkret Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen. In der Schweiz sind derzeit rund 145´000 Personen als Kommissionsmitglied, Stadt- oder Gemeinderat engagiert. Sie alle tragen persönlich ein Stück zur Funktionstüchtigkeit des Gemeinwesens bei. Das so entstehende Humankapital hat einen unschätzbar hohen staatspolitischen Stellenwert. Gleichzeitig ist Gemeindevielfalt und die damit verbundene Vielzahl an politischen Ämtern eine konkrete Möglichkeit, das politische Engagement gerade auch von Frauen zu fördern. Gemeindefusionen indes schränken diese Chancen ein.

Entgegen einer modischen, eher kurzfristigen Ansicht sind Gemeindefusionen also nicht per se gut, sondern grundsätzlich einmal kritisch zu hinterfragen. Eine Gemeindefusion hat nur dann eine Legitimation, wenn ihr die betroffenen Bürger und Gemeinden aus eigenem, freiem Entschluss zustimmen. Dass der Kanton die Gemeindefusion zur Kantonsaufgabe erklärt hat und Gemeindefusionen subventioniert, ist deshalb bereits problematisch. Völlig verfehlt jedoch ist die Idee, Gemeinden mit Zwang ohne Rücksicht auf Basis und Direktbetroffene zu fusionieren. Wenn sich eine Gemeinde z.B. an einem grösseren Fusionsprojekt nicht beteiligen will, ist dies zu respektieren. Es zeugt letztlich von einer gewissen Arroganz der kantonalen Politik, sich im Ratssaal selbst zu Gemeinde-Architekten zu befördern und per Federstrich Vorstellungen einer angeblich „richtigen“ Gemeindegrösse zu verwirklichen.

Immerhin: Um die Bestandesgarantie der Gemeinden aufheben oder aufweichen zu können, ist eine Änderung der Kantonsverfassung nötig. Die Stimmbürger haben also das letzte Wort und damit Gelegenheit, abgehobene Gemeinde-Architekten auf die Basis der föderalistischen Realität zurückzuholen.


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