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Günter Grass, linker Schriftsteller und
Literaturnobelpreisträger, macht den Deutschen gern ein schlechtes Gewissen.
Laufend kritisiert er deren Umgang mit dem Nationalsozialismus und wettert „gegen
das Vergessen“, wo auch immer er ein solches zu erkennen glaubt. Schon bei
harmlosen Äusserungen zur Asylpolitik fühlt sich Grass bemüssigt, uns über die
Gefahren eines wiederauflebenden Nationalsozialismus zu belehren. Besonders
gerne macht Grass seinen Landsleuten jeweils vor den Bundestagswahlen ein
schlechtes Gewissen und wirbt dann gleichzeitig eifrig für rot-grün. Die Wähler
wiederum können ihr schlechtes Gewissen wieder ablegen, indem sie rot-grün
wählen und sich so zu besseren Menschen machen. Trotz Massenarbeitslosigkeit,
trotz Schuldenbergen, trotz reihenweisen massiven Einschnitten in die
individuelle Freiheit – alles dank rot-grün. Soviel zur „moralischen Instanz“
Günter Grass.
Nun hat Grass aber anscheinend selbst ein schlechtes
Gewissen und hat gestanden: Auch er, die moralische Instanz Deutschlands, gehörte
vor 60 Jahren zum NS-Machtapparat. Er diente in der Waffen-SS. Nicht nur der
Pöbel fiel also auf den Nationalsozialismus herein, auch der grosse Günter
Grass. Auch er wurde verführt vom antibürgerlichen Charakter des
Nationalsozialismus. Grass, echt krass.
Als Grass sich als Fünfzehnjähriger – wohlgemerkt freiwillig
– zur Wehrmacht meldete (er wollte U-Boot-Matrose werden) und später in die
Waffen-SS eingeteilt wurde, erkannte er die Dimensionen seines Handelns wohl noch
kaum. Das ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist aber die Tatsache,
dass Grass erst jetzt diese zweifellos äusserst interessanten Fakten auf den
Tisch legt. Erst nachdem er den Literaturnobelpreis erhalten hat. Erst nachdem
er über Jahre hinweg die Moral für sich monopolisiert hat.
Warum? Ist jetzt einfach der richtige Zeitpunkt dafür? Die
Deutschen getrauen sich heute, offener über die nationalsozialistische
Vergangenheit zu diskutieren. Man beachte nur einmal all die Hitler-Dokumentationen.
Diskutieren heisst aber immer auch ein Stück weit enttabuisieren, ohne dabei natürlich
die Geschehnisse zu verharmlosen. In dieser gesellschaftlichen Stimmung fällt
ein Geständnis viel leichter. Grass, der mutlose Opportunist?
Oder dient das Geständnis als PR-Gag? In seiner
Autobiographie schreibt Grass erstmals über seine Vergangenheit in der
Waffen-SS, wer möchte das nicht lesen? Damit scheint Grass die Funktionsweise
des von ihm so verabscheuten Kapitalismus bestens zu kennen und erfolgreich zu
praktizieren. Grass, der kalte, srupellose Profitmacher?
Wie dem auch sei, Grass´ spätes Geständnis zeigt erneut die
Heuchelei derjenigen auf, welche die Moral für sich monopolisieren. Politiker,
Medienschaffende oder Intellektuelle, welche die Moral zur Waffe machen, um sie
für eigene Zwecke oder gegen ihre Gegner einzusetzen, und die dabei nicht
moralischer handeln als ihre angeblich so unmoralischen Widersacher.
Dieses Phänomen zeigt sich in exemplarischer Weise an der
68-er Generation, die seit ihrer Machtergreifung unter dem Deckmantel
moralischen Handelns nichts anderes als Eigeninteressen verfolgen und nichts
anderes als Machtpolitik praktizieren.
Als Musterbeispiel dient der Kampfbegriff „soziale
Gerechtigkeit“: Niemand ist in der Lage zu definieren, was sozial gerecht sei.
Die Floskel sagt alles und nichts zugleich und birgt deshalb ein ungeheures
Missbrauchspotential. Unter dem Motto soziale Gerechtigkeit können heute einfach
Steuern erhöht, Schulden vergrössert, die Vertragsfreiheit eingeengt und
politische Gegner mit der Moralkeule mundtot gemacht werden. Jede beliebige
Umverteilungsübung lässt sich mit sozialer Gerechtigkeit rechtfertigen, da die
Höhe der zu umverteilenden Einkommen und Vermögen gegen oben offen ist. Die
Staatsquote wächst und damit die Macht der Funktionäre und Etatisten, sprich
der etablierten 68-er, über die Gesellschaft.
Anschauungsunterricht liefert auch der momentane
Abstimmungskampf zum revidierten Ausländer- und Asylgesetz. Auch hier arbeiten
die Gegner praktisch nur mit der Moralkeule und werfen den Befürwortern
Fremdenfeindlichkeit oder fehlende humanitäre Gesinnung vor. Die Motive der
Gegner dieser dringend nötigen Missbrauchsbekämpfung sind aber alles andere als
moralisch: Racheakte gegen Bundesrat Blocher; das Interesse an einer
florierenden Asylindustrie, die möglichst vielen Sozialarbeitern, Pädagogen,
Ethnologen, Theologen oder Anwälten Arbeit bietet; oder schlicht Wählerstimmen
dank einem Image der Gutmenschlichkeit.
Der deutsche Nationalökonom und
Philosoph Wilhelm Röpke (1899-1966) analysierte diese Heuchelei treffend wie
folgt: «Dieser
‹linke› Moralismus erreicht nur zu oft jene peinliche Stufe, da die grossen
Worte von Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit zum Deckmantel des Gegenteils
werden und der hoch zu Ross uns ermahnende Moralist zum intoleranten Hasser und
Neider, der theoretische Pazifist im praktischen Bewährungsfalle zum
Imperialisten und der Anwalt der abstrakten sozialen Gerechtigkeit zum
herrschsüchtigen Streber wird.» Seit Röpke
hat sich diesbezüglich nichts geändert.
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