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Über Abzocker und Abzocker


Ehemalige Verwaltungsräte und Geschäftsführer der gegroundeten Swissair stehen vor Gericht. Die Anklagepunkte umfassen - je nach Angeschuldigtem – unter anderem Urkundenfälschung, ungetreue Geschäftsbesorgung, Gläubigerschädigung und Misswirtschaft. Die Schweiz erlebt derzeit so etwas wie einen medialen Lynchprozess der Totengräber eines vermeintlichen Stückes helvetischer Identität.

Eine ganze Managerkaste von selbsternannten Wirtschaftsfachleuten, insbesondere der Zürcher Cüpli-Freisinn, hat in gemeinsamer Selbsthilfe die Swissair als Selbstbedienungsladen für lukrative Imageposten missbraucht. Die Geschäftsführung als operative Leitung traf die (falschen) Entscheidungen und der Verwaltungsrat nickte ab ohne gross nachzufragen. Filz, mangelnde Kontrolle und eine von massloser Selbstüberschätzung geprägte Hunter-Strategie, mit der im harten internationalen Flugwettbewerb unter Führung der Swissair eine eigene Allianz mit teilweise maroden Fluggesellschaften aufgebaut werden sollte, haben das einst blühende Unternehmen in den Konkurs gestürzt.

Die Schweiz hat auf diese Vorfälle reagiert. In manchen Orten ist seit dem Grounding und der Konjunkturflaute wieder mehr Realitätsbewusstsein eingekehrt. Aber auch strukturelle Defizite im schweizerischen Wirtschaftsrecht sind deutlich sichtbar geworden: Gerade in grossen Publikumsgesellschaften hat sich die Chefetage zusehends von den Aktionären, den eigentlichen Eigentümern einer Gesellschaft, entfernt. Die Forderungen nach vermehrter Transparenz in den Chefetagen der Konzerne sowie nach einer Stärkung der Aktionärsrechte zielen in die richtige Richtung. Statt inhaltsloser, stalinistischer Gewerkschaftsrhetorik gegen die „Reichen“ müssen die Probleme auch hier mit den Mitteln einer freiheitlichen Rechtsordnung und der Marktwirtschaft angegangen werden. Starke Eigentümer sind die besten Garantien gegen Exzesse der (angestellten) Manager.

Während sich die Schweizer Bevölkerung allmählich vom Untergang der Swissair erholt und sich zusehends wieder auf die wahren Eckpfeiler der Willensnation Schweiz – freiheitliche Rechtsordnung, Föderalismus, direkte Demokratie, Neutralität – zurückbesinnt, wird von einer anderen Gruppe von Abzockern kaum geredet. Während die Führungskräfte der Swissair über ihre Aktivitäten Auskunft zu geben haben (oder es zumindest müssten), werden dieser anderen Gruppe von Abzockern nur ganz selten unangenehme Fragen gestellt. Während Erstere für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden, bleiben Letztere unbehelligt in ihren Sesseln sitzen. Kurz: Wo der Rechtsstaat bei Ersteren funktioniert, bleibt er stumpf und wirkungslos bei Letzteren. Die Rede ist von den Politikern. Folgende Beispiele mögen dies erläutern:

  • Niemand wirft denjenigen Politikern ungetreue Amtsführung vor, die in nur 15 Jahren die Schulden des Bundes auf ca. 130 Milliarden Franken verdreifacht und unsere Sozialwerke durch hemmungslosen Leistungsausbau in milliardentiefe Defizitlöcher gestürzt haben. Mit einer solchen Politik wird nicht „nur“ ein Unternehmen, sondern ein ganzes Land in den Ruin geführt. Aber es sind diese Schuldenmacher, welche dann von der Boulevardpresse sogar noch als vorbildliche Staatsmänner oder –frauen im Dienste der sozialen Gerechtigkeit hochgejubelt werden.
  • Eine besonders kreative Form des Filzes demonstrierte kürzlich Alt-Bundesrat Joseph Deiss, in seiner damaligen Funktion als Agrarminister zuständig für die Subventionen an die Landwirtschaft. Von den jährlich 4 Milliarden Subventionen fliessen 900 Millionen an sogenannte nachgelagerte Betriebe, wovon wiederum der grösste Schweizer Milchverarbeiter Emmi (im Jahr 2002) mit 128 Millionen profitierte. Am 16. Mai 2007 soll der Emmi-Verwaltungsrat um eine neues Mitglied „bereichert“ werden: Der vorgeschlagene Kandidat ist – Bingo! – Alt-Agrarminister Joseph Deiss.
  • Übrigens haben Bundesrat und das Parlament – gewohnt beeinflusst von der Boulevardpresse – die erkannten Fehlleistungen der Swissair-Führungskräfte sogar noch getoppt und mit 2 Milliarden Steuergeldern eine neue, von Beginn weg zum Scheitern verurteilte halbstaatliche Airline auf die Beine gestellt, die nur noch dank ihrer Eingliederung in den Lufthansa-Konzern überleben kann. Dort aber sind die teuer aufgebauten politischen und gewerkschaftlichen Luxuswünsche der Politiker nach ökonomischen Kriterien zurechtgestutzt worden.

Auch wenn also das Bezirksgericht in Bülach im März die Swissair-Führungskräfte für ihre Fehlleistungen strafrechtlich zur Verantwortlichkeit ziehen sollte, so sind die gefährlichsten Abzocker nicht in Bülach, sondern in Bundesbern anzutreffen.

 


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