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Planungslosigkeit als Regierungsprogramm


Februar 2009: Die Schweiz ist mitten im Abstimmungskampf zur Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien. Der Bundesrat fürchtet ein Nein. Aussenministerin Micheline Calmy-Rey tritt vor die Medien und verkündet, weshalb die Stimmbürger ein Ja in die Urne legen müssten: „Es gibt keinen Plan B im Falle einer Ablehnung.“

Normalerweise eine Kapitulationserklärung überforderter Magistraten, scheint Planlosigkeit allmählich zur bundesrätlichen Handlungsmaxime zu werden. Im Streit um das Bankkundengeheimnis z.B. hatte der Bundesrat nicht nur keinen Plan B. Er hatte gar keinen Plan. Mit der bekannten Folge: Nach ein paar Wochen Wirtschaftskrieg kapitulierte die Landesregierung. In Zukunft will sie dem Ausland bei vermuteter Steuerhinterziehung Amts- und Rechtshilfe leisten.

April 2009: Die Wirtschaftskrise hat den Schweizer Arbeitsmarkt hart getroffen. Hoch ist insbesondere die Arbeitslosigkeit bei Ausländern (6,8%; bei Schweizern beträgt sie 2,5%). Im vergangenen September waren noch 4,6% der Ausländer und 1,8% der Schweizer arbeitslos. Kein Wunder: Die Einwanderung aus den 15 „alten“ EU-Staaten liegt mehr als 10% über dem Durchschnitt der letzten drei Jahre. Viele dieser Einwanderer, die in wirtschaftlich guten Zeiten einen Arbeitsvertrag in der Schweiz vorweisen konnten, verlieren in der Rezession ihren Arbeitsplatz. Eine Rückwanderungswelle bleibt Wunschtraum. Zu attraktiv sind die Schweizer Sozialleistungen.

In dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit mit steigender Arbeitslosigkeit könnte die Schweiz gegenüber den 15 „alten“ EU-Staaten die sogenannte „Ventilklausel“ anwenden. Die Masseneinwanderung aus der EU würde damit in Zukunft begrenzt; und die Bevölkerung vor noch mehr Arbeitslosigkeit und Ansprüchen an den Sozialstaat geschützt.

Der Bundesrat hat nun aber beschlossen, dieses Instrument nicht anzuwenden. Denn damit würde, so die offizielle Begründung, „ein negatives Signal ausgesendet, welches im aktuellen europapolitischen Kontext nicht von Vorteil wäre.“ Im Klartext also: Der Bundesrat kuscht vor der EU, einmal mehr. Nationale Interessen sind demgegenüber offenbar zweitrangig – selbst wenn die Schweiz das Recht zur Anwendung der Ventilklausel explizit in den bilateralen Verträgen mit der EU vereinbart hat. Aber eben: Wo kein Wille, da kein Weg.

Bundesräte, planlos und passiv: Letztlich ist es eine Konsequenz des Schweizer Wahlsystems: Das Parlament wählt den Bundesrat: Die besten Chancen fürs Bundesratsamt haben also Politiker mit ausgeprägtem Harmoniebedürfnis, die sich wenig Feinde gemacht haben. In Verhandlungen mit dem Ausland wären aber gerade Qualitäten wie Durchsetzungsvermögen, Führungs- und Verhandlungsstärke gefragt.

Am 19. Mai trat übrigens Bundesrat Pascal Couchepin vor die Medien und warb dafür, mitten in einer schweren Rezession die Mehrwertsteuer um 0,4% zu erhöhen. Die Erhöhung würde vor allem Familien und tiefere Einkommensschichten treffen – diejenigen Menschen also, welche die Wirtschaftskrise ohnehin schon am meisten spüren. Wie lautet die bundesrätliche Begründung für diese Steuererhöhung: „Wenn wir diese Abstimmung verlieren sollten, haben wir keinen Plan B.“ Wir haben uns schon fast daran gewöhnt.


hinauf