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Welttag des Buches


Machiavelli-Lesung zum Welttag des Buches

Von Patrick Freudiger, Stadtrat Langenthal

Sehr geehrte Frau Hirsbrunner, werte Politikerinnen und Politiker, werte Zuhörerinnen und Zuhörer

Danke
Zuerst einmal möchte ich mich bedanken, um heute vor Ihnen sprechen zu können.

Es freut mich, dass Politiker auch zu einem Anlass eingeladen werden, wo es noch um etwas anderes als nur um Politik geht und der nicht gerade im Wahljahr anfällt.

Ich habe das Buch „Der Fürst“ von Niccolo Machiavelli ausgewählt. Es ist eine bescheidene Reclam-Version. Ich gebe dem Inhalt eines Buches jeweils mehr Gewicht als dessen äusserer Ästhetik.

Risiko
Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich mit meinem Buch ein gewisses Risiko eingegangen bin – gerade als Politiker. Es ist ja gerade dieses Buch, welches schonungslos die Realität der Politik als Kampf um Macht darstellt.

Immerhin hat Sie ja Herr Grossratspräsident Dätwyler mit der Bibel bereits – quasi als Ausgleich –in die Höhen der Metaphysik geführt.

Ich halte es aber nach wie vor für richtig und wichtig, dieses Buch gewählt zu haben. Erstens ist es Pflichtlektüre zum Verständnis der Politik.
Zweitens war es, neben Denis de Rougemonts „Mission ou démission de la Suisse“, genau dieses Buch, das mir gezeigt hat, dass das sich Beschäftigen mit Büchern nicht die Domäne gutbezahlter Privilegierter sein kann, sondern auch die Aufgabe des aufgeklärten, mündigen Bürgers sein muss. Dieses Buch war es, das mir gezeigt hat, dass Literatur keine abstrakte Disziplin für sich ist, sondern geradezu verwurzelt ist mit den Problemen der Realität.
Weiter beeindruckte mich das enorme Wissen Machiavellis. Nicht nur seine illusionslosen und scharfsinnigen Beobachtungen über die Politik, sondern auch, dass er alle seine Erkenntnisse mit zahlreichen Beispielen aus der antiken und mittelalterlichen Geschichte untermauert hat. Er zitierte zudem aus dem Gedächtnis.

Entsprechend wird meine Vorstellung heute ausfallen: Nicht am Buch verhaftet, sondern auch weitere Schlüsse ziehen. Ein Muss – gerade bei diesem Buch.

Machiavelli - Intro
Der Einfluss Machiavellis auf die Nachwelt ist überragend. Hier nur 2 Beispiele:

  • Massgeblicher Einfluss auf das sich Herausbilden der Staatsräson (im Interesse des Staates ist alles erlaubt)
  • Überwinder des Feudalismus und Frühbegründer des Absolutismus.

Dabei war er genauso berühmt wie berüchtigt. Der Faschismus berief sich genauso auf Machiavelli wie der Aufklärer Rousseau. Machiavellismus gilt heute als Synonym für skrupellose Machtpolitik, in England ist „old nick“ – Machiavellis Vorname ist Niccolo – ein Synonym für Satan.

Machiavelli: untäuschbarer Scharfsinn und Machtpolitik
Wie erhielt Machiavelli dieses Image? Was beschrieb er im Fürsten? Das Buch ist im Wesentlichen ein Lehrbuch, wie man als Fürst die Macht erringen und an der Macht bleiben kann. Macht wird bei Machiavelli als Selbstzweck beschrieben, oder wie man so schön sagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies die Grundthese.

Um das Buch aber wirklich verstehen zu können, ist zuerst ein Blick in die damalige Geschichte unentbehrlich:

Renaissance: Der Mensch genoss in der Renaissance-Philosophie die Vollmacht, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Die Renaissance war eine Flucht auf dem religiösen Kollektivismus des Mittelalters. In diesem Zusammenhang betrachtete Machiavelli Politik auch nicht mehr nach Mittelalter-Idealen, sondern als Machtkampf.
Italien: Die italienischen Stadtstaaten der Renaissance waren kulturell das Mekka der Welt, politisch jedoch unbedeutend und entsprechend abhängig: Im Süden Neapel und Spanien, im Westen Frankreich und im Osten Habsburg. Italien war in einer Anarchie kleiner Fürstentümer gefangen, die Ausflucht war – für Machiavelli – ein starker, autoritärer, absolutistischer Staat.

Ähnlich war es bei Thomas Hobbes, der – von Machiavelli beeinflusst – nach der Anarchie des 30jährigen Krieges zum Begründer des Absolutismus wurde. Oder Jean Bodin, der eigentliche Begründer des Absolutismus, der in der Anarchie der französischen Religionskriege den Absolutismus begründete.

Machiavelli – Buch selbst
Eine der im „principe“ am meisten gefürchteten Ausschnitte, die massgeblich zum Image des skrupellosen Machtpolitikers beigetragen haben, ist

„Daraus ergibt sich die Streitfrage, ob es besser ist, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt. Die Antwort ist, dass man das eine wie das andere sein sollte; da es aber schwerfällt, beides zu vereinigen, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn man schon den Mangel an einem von beiden in Kauf nehmen muss. Denn man kann von den Menschen im allgemeinen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig,  unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig sind; und solange du ihnen Gutes erweist, sind sie dir völlig ergeben: sie bieten dir ihr Blut, ihre Habe, ihr Leben und ihre Kinder, wenn – wie ich oben gesagt habe – die Not fern ist; kommt diese dir aber näher, so begehren sie auf. Ein Fürst, der sich völlig auf ihre Versprechen verlassen hat, ohne andere Vorbereitungen zu treffen, ist dann verloren.“ (Kapitel XVII)

Sie sehen, wie negativ das Menschenbild von Machiavelli war. Nur mit Hilfe des Zwanges konnten nach ihm die Menschen zum Guten bewegt werden. Quasi: Eine schlechte Welt erfordert schlechte Mittel, um gut zu regieren. Weiter hinten präzisiert Machiavelli seine Erkenntnisse.

„Ein kluger Herrscher kann und darf daher sein Wort nicht halten, wen ihm dies zum Nachteil gereicht und wenn die Gründe fortgefallen sind, die ihn veranlasst hatten sein Versprechen zu geben. Wären alle Menschen gut, dann wäre diese Regel schlecht; da sie aber schlecht sind und ihr Wort dir gegenüber nicht halten, brauchst du auch dein Wort ihnen gegenüber nicht zu halten. Auch hat es noch nie einem Fürsten an rechtmässigen Gründen gefehlt, um seinen Wortbruch zu verschleiern. Hierfür könnte man zahllose Beispiele aus neuerer Zeit geben und zeigen, wieviel Friedensverträge durch die Treulosigkeit der Fürsten wertlos und nichtig geworden sind.“ (Kapitel XVIII)

Dazu kommt, dass Machiavelli den mit brutalen Mitteln agierenden Cesare Borgia zum Modell „des Fürsten“ genommen hat.
Und trotzdem: Das Bild, das wir von Machiavelli als skrupellosen Machtpolitiker haben, ist falsch. Er verurteilt sogar willkürliche Diktatur. Er sagt nur, dass es unter gewissen Umständen sinnvoller ist, mit Gewalt gegen wenige vorzugehen, um viele zu retten. Dies ist letztlich auch der Grundgedanke der Staatsräson: Im Interesse des Staates ist alles erlaubt.
M
achiavelli argumentiert pragmatisch. Er befürwortet nicht einfach das Schlechte, sondern beschreibt nur seinen zweckmässigen, im öffentlichen Interesse liegenden Gebrauch.
Dies gewinnt gerade heute wieder an Aktualität, mit dem Thema Folter. Darf man einen Menschen, dazu noch einen schlechten, foltern, um 1000 zu retten. Spontan würden wir alle nein sagen, bis einmal unsere Kinder, Eltern, Verwandten oder Bekannten gerettet werden könnten.

Interessant ist auch ein Vergleich zu Machiavellis anderem Hauptwerk, den Discorsi. Sie sind im Wesentlichen eine Abhandlung über die Recherche von Titus Livius, eines römischen Historikers, über Rom. Zudem macht Machiavelli dort auch eigene Interpretationen. In den Discorsi argumentiert Machiavelli wesentlich milder und spricht davon, wie wichtig und essentiell die Religion für das Überleben des Guten in einem Volk ist. Hier erst wird klar, dass auch für Machiavelli die Republik und nicht das Fürstentum die am besten geeignete Staatsform ist. Eine Erkenntnis, die man bei der Lektüre des Fürsten alleine nicht gewinnt. Ein Kapitel in den Discorsi lautet sogar: „Das Volk ist weiser und beständiger als ein Alleinherrscher“. Ich bin überzeugt: Wenn sich die Menschen, die von Machiavellismus reden, nur halb so viel mit den Discorsi wie mit dem Fürsten beschäftigt hätten, dann würde Machiavelli heute nicht als Phantombild des Menschenfeindes gelten.

Nicht zu vergessen sind übrigens die lobenden Worte, die Machiavelli für die Schweiz als Hort der Freiheit fand (Der Fürst XII: „Und die Schweizer sind besonders wehrhaft und in höchstem Masse frei“). Eine besondere Ehre, die unseren Vorfahren da von einem der grössten Staatsphilosophen entgegengebracht wird.

Machiavelli – Schluss
Machiavelli fiel selbst der Machtpolitik zum Opfer. In Florenz war Machiavelli zunächst für die Republik tätig, nach der Rückkehr der Medici wurde er entmachtet, erhielt aber dann kleinere Aufträge. Nachdem die Medici vertrieben worden waren, erachteten ihn die Vertreter der Republik als Trabanten der Medici und verbannten ihn erneut.

Ironie der Geschichte: Dank seiner  Zeit in Verbannung, wo er nicht seiner Leidenschaft, der Politik, nachgehen konnte und sich dem Bücher schreiben widmen musste, wurde Machiavelli weltberühmt.

„Der Fürst“ wurde für Lorenzo de Medici geschrieben und sollte diesen von Machiavellis Fähigkeiten überzeugen. Im Buch beschrieb Machiavelli denn auch Lorenzo als den starken Mann, der Italien zu einem starken Staat formen kann. Das Werk ist dementsprechend klar gegliedert, anders als die Discorsi.

Machiavelli ist zeitlos, da die Art der Menschen zeitlos ist. Betrachten Sie nur einmal, wie die Regierung Schröder den Sozialstaat abbaut, um an der Macht zu bleiben. Betrachten Sie nur einmal, wie oft Politiker Versprechen brechen. Betrachten Sie nur einmal das Verhalten der USA einerseits und Frankreich und Russland andererseits im Irakkrieg. Politik ist ein Kampf um Macht, damals wie heute.

Ich persönlich versuche, Machiavellis Erkenntnisse mit den Erfordernissen für eine Demokratie zu verbinden, die Montesquieu, der grosse französische Liberale und Begründer der Gewaltenteilung, formuliert hat. Es ist dies die politische Tugend, das Engagement fürs Gemeinwohl und das System der „checks and balances“, also die Machtverteilung auf viele Köpfe.

Das heisst: Es braucht ein aufgeklärtes Volk, eine Verfassung und eine Kultur, die dem Machtstreben gewisse Grenzen setzen: Gelingt uns das, haben wir die Situation der Schweiz seit 1848. Gelingt es uns nicht, haben wir die Situation der Weimarer Republik vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Machiavelli übersehen kann man nicht. Es gibt deshalb im Wesentlichen zwei Kategorien von Leuten: Diejenigen, welche seine Lehren akzeptieren und diejenigen, welche sie leugnen und trotzdem praktizieren.
Bsp.: Friedrich II von Preussen: Autor des Antimachiavel. Darin widerlegte Friedrich II die Lehren Machiavellis Schritt für Schritt, stellte ihn als Unmensch dar praktizierte und in der Praxis trotzdem dessen Lehren.

Es ist erstaunlich, wie die Menschheit mit jemandem umgeht, ihn als Zugpferd oder Unmensch instrumentalisiert, nur weil er der Menschheit einen Spiegel vorgehalten hat.

Die Menschheit zeichnet sich selbst mit dem Verhalten gegenüber Machiavelli: Wir Menschen streben unser Leben lang nach Wahrheit, nach Erkenntnissen, nach Wissen. Sobald es uns Menschen gezeigt wird, wollen wir es nicht mehr.

(Es gilt das gesprochene Wort)

 


hinauf