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Wenn Toleranz-Ayatollahs diktieren


Wenn mitten im Abstimmungskampf zum verschärften Asyl- und Ausländergesetz die Ergebnisse einer Studie zum Thema Menschenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus publiziert werden, dann ist Vorsicht angebracht. Wenn diese Studie dann – vorsichtig ausgedrückt – mit Vorwürfen an die schweizerische Gesellschaft nicht zimperlich umgeht, dann ist noch mehr Vorsicht geboten.

Der Verdacht drängt sich auf, dass mit einem Appell an das schlechte Gewissen die besondere, traditionelle Hilfsbereitschaft des Schweizers und dessen Hang, den Schwachen beizustehen, ausgenutzt und von der sachlich gebotenen Missbrauchsbekämpfung mit der Moralkeule abgelenkt werden soll. Soviel nur vorweg: Das Folgende ist keine Satire, sondern wissenschaftliche Realität.

Gesinnungs-Kontrolleure
Zunächst ein paar Fragen: Sind Sie der Meinung, dass eine weitere Zunahme des Ausländeranteils hierzulande problematisch ist? Denken Sie auch, dass Frauen sich wieder mehr auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter konzentrieren sollten? Und finden Sie es vielleicht erniedrigend, wenn eine muslimische Frau ein Kopftuch trägt? Dann herzlich willkommen! Willkommen im Kreis der Fremdenhasser, Sexisten, Rechtsextremisten und Menschenfeinde!

Genau mit solchen Fragen «erforschte» eine Studie der Universität Genf Haltungen in der Bevölkerung. Die im Rahmen eines Nationalfonds-Programms durchgeführte Studie hat zum Ziel, «ein Instrument zum Monitoring von Rechtsextremismus, Xenophobie und Misanthropie (Menschenfeindlichkeit, Anm. d. Autors) in den Einstellungen der schweizerischen Bevölkerung zu entwickeln, das für zukünftige Untersuchungen genutzt und zur Beurteilung von Trends verwendet werden kann.»

4 Millionen verpulvert
Mit vier Millionen Franken ausgestattet gingen die «Forscher» ans Werk und befragten während je vierzig Minuten insgesamt 3000 Leute (Schweizer und Ausländer). Resultat: 42 Prozent der Schweizer sind menschenfeindlich, Fremdenfeindlichkeit ist bei der Mehrheit der hiesigen Bevölkerung verbreitet, Islamophobie findet sich bei rund 30 Prozent, Antisemitismus bei 20 Prozent der Bevölkerung und Sexismus ist weit verbreitet. Ca. 4 Prozent der Bevölkerung werden dem rechtsextremen Milieu zugeordnet.

Solche Prozentzahlen sind nicht besonders schwierig zu erreichen, wenn man nur die entsprechenden Schlussfolgerungen aus tendenziösen Fragen zieht. Neben den oben genannten Fragen dient zum Beispiel die Aussage «Ausländer profitieren von hiesigen Wohlfahrtsleistungen» zur Ermittlung von Fremdenfeindlichkeit. Und eine kritische Haltung von Befragten zu Homo-Ehen gilt als Hinweis auf Homosexuellen-Hass.

Es ist durchaus plausibel, dass bei entsprechender politischer Gesinnung solche Fragen ein Hinweis auf verwerfliche Haltungen sein können. Störend an der Studie ist aber, dass diese subjektiven Ansichten nun plötzlich als «Forschung» gelten. Das heisst als objektiv und frei von Ideologie.

Die politische Absicht dieser Studie wird vollends klar bei der Befragtenanalyse. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die völlig frei von menschen- oder fremdenfeindlichen Intuitionen sind, also die Guten. Diese sogenannte «kreative Klasse» charakterisiert sich laut Studie wie folgt: «Ihre Angehörigen stehen politisch links, sind urban, gebildet und eher jung.»

Auf die andere Seite werden die Bösen gestellt, bezeichnet als «konservative Nationalisten». Hier, so die Studie im Wortlaut, «dominieren klar menschen- und fremdenfeindliche Einstellungen. Die Angehörigen dieser Gruppe stehen politisch rechts, sind meist weniger gut gebildet und betrachten die Zukunft des Landes mit Sorge.»

Hier der trendige, intellektuelle Linke, dort der reaktionäre, bornierte Rechte: Ein Klischee, das perfekt sitzt, ständig «wissenschaftlich» zelebriert wird und dank dem sich die Linke immer wieder selbst darin bestätigt, die «bessere Gattung Mensch» zu sein.

Die Studie zeigt exemplarisch, wie mit Wissenschaft heute Politik gemacht wird. Die Schweizer Politik lechzt offenbar geradezu nach Nationalfonds-Projekten, die «wissenschaftlich» irgendein politisches Begehren untermauern: Schon das angebliche Bedürfnis nach Kinderkrippen wurde auf ähnlich «wissenschaftliche» Weise wie diese neue Studie untermauert.

Wir leben heute in einer Zeit, in der sich die Menschen als aufgeklärte Wesen betrachten und selbstherrlich über ihre Vorfahren, die angeblich noch religiösem Aberglauben verfallen waren, hinwegsetzen. Aber auch in dieser Zeit der Vernunft braucht der Mensch Orientierungshilfen. So vertraut man heute fast blind allen Erkenntnissen, wenn sie nur das Prädikat «wissenschaftlich» tragen. Tageszeitungen und Massenmedien, welche diese Erkenntnisse kaum je kritisch hinterfragen, tragen das ihre zu solcher Pauschalisierung bei.

Pseudowissenschaftlich

Man erinnert sich bei der Lektüre dieser Studie doch sehr an Friedrich Dürrenmatts Werk «Die Physiker». Dürrenmatt beschrieb darin, wie die Wissenschaft voll und ganz politischen bzw. militärischen Zwecken untergeordnet wurde. So waren die Atomwissenschaftler bloss noch eine Art «intellektuelle Büezer» oder «blosse Techniker» (Arthur Koestler) in einem System, das – politisch durchseucht – längst eine besorgniserregende Eigendynamik entwickelt hatte. Heute fristet die Wissenschaft ein ähnlich trauriges Dasein, insbesondere die Geisteswissenschaften: Die vielen soziologischen Studien dienen nicht selten dazu, in pseudowissenschaftlicher Manier den linken 68er-Ideologien ein Antlitz der Wahrheit zu verleihen: Marktwirtschaft ist ungerecht, Patriotismus ist menschenfeindlich, Minderheiten haben ohne staatliche Hilfe keine Chance und schuld an allem sind sowieso nur die anderen. Alles wissenschaftlich erwiesen.

Toleranz bis zur Selbstverleugnung
In unserem Fall soll die Toleranz-Ideologie «verwissenschaftlicht» werden: Toleranz, bis hin zur Selbstverleugnung. Hauptsache, man ist multikulturell und hält nicht die eigenen Traditionen hoch. Dieser Toleranzglaube wird immer mehr zur Ersatzreligion. Wer den blinden Toleranzglauben hinterfragt, ist ein Ketzer oder eben ein Menschenfeind. Wie bei jeder Ersatzreligion gibt es auch hier Päpste (oder etwas multikultureller: Ayatollahs): Politiker, Medienschaffende und allerlei Intellektuelle wie die Leiter des soziologischen Instituts der Universität Genf. Diese Toleranz-Ayatollahs sind, wie der Klerus jeder Ersatzreligion, ausgesprochen fanatisch: Sie – im Bewusstsein, für eine gute Sache zu kämpfen und darum bessere Menschen zu sein – opfern alles auf dem Altar der Toleranz und verkennen, wie intolerant sie dabei selbst geworden sind. Wer eine andere Meinung hat, gilt nicht mehr als gleichberechtigter Part im demokratischen Wettbewerb der Ideen, sondern ist ein Hinterwäldler, ein Spiesser oder sogar ein «Problemfall», der eingesperrt, permanent überwacht oder therapiert werden muss.

Die auch hierzulande und gerade unter Intellektuellen populärste Erscheinung von Fremdenfeindlichkeit hat die Studie übrigens gar nicht beachtet: Nämlich den Antiamerikanismus. Pöbelnde Demonstranten vergleichen den derzeitigen US-Präsidenten mit Adolf Hitler. Irgendwelche Experten dozieren pauschalisierend von der Ignoranz der Amerikaner. Im Revolverblatt «Blick» sind Schlagzeilen wie «Folter-Amis» zu lesen. All das ist offenbar weniger beunruhigend, als wenn jemand der Meinung ist, die Frau solle sich wieder mehr auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter konzentrieren.

Und der Linksextremismus?
Gespannt wartet der kritische Politbeobachter übrigens immer noch auf ein nationales Forschungsprojekt, das sich einmal dem Linksextremismus zuwendet. Hier müsste man nicht einmal mit abartigen Konstruktionen das angeblich verbreitete Phänomen wissenschaftlich erst noch erschaffen. Man denke nur einmal an die Verharmlosung linksextremer Gewalt in Politik und Medien (und wenn dann einmal doch darüber berichtet wird, spricht man liebevoll von «Linksautonomen» oder – «Linksaktivisten»). Man denke an Ausdrücke wie Heuschrecken-Kapitalismus oder ganz einfach an das Parteiprogramm der Sozialdemokraten, in dem immer noch von einer Wirtschaftsordnung jenseits des Kapitalismus, also vom Sozialismus geträumt wird.

Fazit zur Studie: Eine wissenschaftlich getarnte, politisch-ideologische Anklage gegen die angeblich menschen- und fremdenfeindliche Schweiz. Den Beweis für diese Unterstellung ist die Studie jedoch schuldig geblieben. Dafür hat die Studie bewiesen, dass die tatsächliche Gefahr für Freiheit und Demokratie in der Intoleranz fanatischer Toleranz-Ayatollahs liegt. Darüber hinaus beweist die Studie auch, wie wahr doch Winston Churchills Diktum ist: «Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.»

Dies gilt heute noch viel mehr, seitdem auch die Wissenschaft zur politischen Waffe linker Ideologen verkommen ist.


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