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Ein liberaler und konservativer «Magiker des Wortes»
Am 12. Februar
jährte sich zum 40. Mal der Todestag von Wilhelm Röpke. Röpke ist einer der
gewichtigsten geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft und einer der
berühmtesten Liberalen Europas. Er trat für die persönliche Freiheit des
Menschen ein und hatte die Überzeugung, dass nur eine Gesellschaft mit festen
Wertordnungen auf Dauer bestehen kann.
Die NZZ schrieb einmal, «dass kaum ein
anderer Wissenschaftler auf die Geistesgeschichte und die Gesellschaftspolitik
Europas einen grösseren Einfluss ausgeübt hat als Röpke». Sie beschrieb ihn als
«Magiker des Wortes». Röpkes geradezu prophetische Gedanken galten vor sechzig
Jahren genauso wie heute und waren damals genauso nötig wie heute. Wir haben
Grund genug, dieser herausragenden Persönlichkeit ein paar Zeilen zu widmen.
Wilhelm Röpke wurde am 10. Oktober 1899
in Schwarmstedt/Deutschland geboren und starb am 12. Februar 1966 in Genf. In
sein Leben fielen unter anderem der Erste Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit mit
ihrer trügerischen Friedensillusion, die Gräuel des Zweiten Weltkriegs und
nicht zuletzt der kalte Krieg. Die Gedanken eines solchen Mannes, die mit
Erfahrungen aus der Weltgeschichte derart angereichert sind, zeugen von einer
sonst kaum zu findenden Tiefgründigkeit.
Moralische
Grundlagen
Was waren dies für Gedanken, mit der
Röpke auch in Europa entscheidend zum erneuten Siegeszug des Liberalismus
beitrug? Man muss vielleicht von seinem Menschenbild ausgehen. Röpke hatte
hohen Respekt vor der Würde des Menschen und vertraute darauf, dass der freie
Mensch letztlich selbst für sein Wohlergehen sorgen konnte. Daraus folgte auch
Röpkes entschiedenes Eintreten für die freie Marktwirtschaft.
Allerdings kann gerade die
Marktwirtschaft die moralischen Grundlagen, auf denen sie beruht, nicht selber
schaffen. Moral, Sitte, Wertordnungen, Überlieferungen, die Kirche, natürliche
Gemeinschaften wie die Familie sind für Röpke Instanzen jenseits des Marktes, «jenseits
von Angebot und Nachfrage», wie eines seiner berühmtesten Werke heisst. Nur
falls diese intakt sind, kann die Marktwirtschaft funktionieren:
«Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn,
Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Masshalten, Gemeinsinn, Achtung vor der
Menschenwürde des anderen, feste sittliche Normen – das alles sind Dinge, die
die Menschen bereits mitbringen müssen, wenn sie auf den Markt gehen und sich
im Wettbewerb miteinander messen.»
Dieser Gedanke ist von brennender
Aktualität. Denken wir nur an die exorbitanten Managerlöhne, den grassierenden
Konsumkult, die omnipräsente Selbstglorifizierung der «oberflächlichen
Spassgesellschaft», wie sie der renommierte deutsche Journalist Peter Hahne
beschreibt. Unsere Gesellschaft ist eben gerade fester Wertüberzeugungen
beraubt worden und strebt statt dessen nur noch einer grenzenlosen
Selbstverwirklichung entgegen.
«Sandhaufen der
Individuen»
Bereits Röpke kritisierte diese Tendenzen
und kam dabei auf die moderne Massengesellschaft zu sprechen:
«Die
Massengesellschaft ist eben ein Sandhaufen der Individuen, welche abhängiger
als je, ungeprägter und unpersönlicher als je, zugleich isolierter,
entwurzelter, verlassener, gemeinschaftsärmer, sozial desintegrierter sind als
je.»
«Umgekehrt ist
der Individualismus als Kult des auf sich selbst gestellten Individuums und des
blossen, millionenfach multiplizierten Stimmbürgers, im Gegensatz zu echter
Gemeinschaft und sozialer Gliederung, zu ‹corps intermédiaires›, zu
Föderalismus und politisch-sozialem Pluralismus, eine der schärfsten geistigen
Ätzsäuren geworden, die durch Auflösung der organischen Gesellschaftsstruktur
zur Bildung der Massengesellschaft und der Massendemokratie beigetragen haben.»
Dieser Mangel an Gemeinschaftsbindung
macht die Leute empfänglich für totalitäre Führer mit all ihren
Ersatzreligionen.
«Um den sozialen
Trieb ihres Wesens betrogen, entwickeln dann die Menschen einen wahren Hunger
nach neuer Integration, nach Einordnung, Bindung und Zusammenhalt im Dienste
einer Hingabe fordernden Idee. Unter diesem Zustande des Gemeinschaftshungers
kann es dem totalitären Führer und Verführer um so leichter gelingen, die
Menschen mit der Aussicht auf Sättigung ihres Hungers einzufangen.»
Röpke war seiner Zeit immer voraus.
Bereits 1930 warnte er vor den Gefahren des Nationalsozialismus. Gleichzeitig
unterlag er aber auch nicht dem geläufigen Irrtum, den Sowjetsozialismus in
seiner Abscheulichkeit zu unterschätzen. Immer wieder warnte er vor der Feigheit
des Westens, dem sowjetischen Totalitarismus nicht in aller Entschiedenheit
entgegenzutreten. Er kritisierte «die weit verbreitete Neigung, beide Arten des
Totalitarismus – die erledigte braune und die dafür um so kräftigere und
gefährlichere rote – mit höchst ungleichem Mass zu messen».
Gegen die
Totalitarismen
Röpkes Antwort auf den Totalitarismus war
der Liberalismus. Entschieden wies er deshalb auf die sich schon zu seiner Zeit
ausdehnende staatliche Allmacht in den westlichen Staaten hin, insbesondere auf
die «komfortable Stallfütterung» und «die Entmündigung des Menschen durch den
immer umfassenderen Wohlfahrtsstaat».
«Eine ganze Welt
trennt einen Staat, der von Fall zu Fall Unglückliche davor bewahrt, unter ein
Existenzminimum zu sinken, von einem anderen, in dem im Namen der
wirtschaftlichen Gleichheit und unter zunehmender Abstumpfung der individuellen
Verantwortung ein erheblicher Teil des Privateinkommens fortgesetzt durch das
Pumpwerk des Wohlfahrtsstaates erfasst wird und, unter beträchtlichen
Leistungsverlusten, vom Staat umgeleitet wird. Alles in einen Topf, alles aus
einem Topf – das wird nunmehr ernsthaft zum Ideal.»
«Es sind dann
nicht die Massen, die gewinnen, sondern der Staat, dem jetzt entsprechend mehr
Macht und Einfluss zuwächst. Das aber bedeutet zugleich eine ausserordentliche
Förderung des modernen Staatsabsolutismus mit seiner Zentralisierung der
Entscheidungen auf den wichtigsten Gebieten, in der Kapitalbildung und
Kapitalverwendung, in Schule, Forschung, Kunst und Politik. Was früher
persönliche und freiwillige Leistung war, wird nunmehr bestenfalls
Staatsleistung, zentralisiert, unpersönlich, erzwungen, plump-schablonenhaft
und mit einem empfindlichen Verlust an Freiheit erkauft.»
Messerscharf erfasste Röpke schliesslich
die Heuchelei derer, welche gerne das Geld anderer im Namen der sozialen
Gerechtigkeit umverteilen:
«Dieser ‹linke› Moralismus
erreicht nur zu oft jene peinliche Stufe, da die grossen Worte von Liebe,
Freiheit und Gerechtigkeit zum Deckmantel des Gegenteils werden und der hoch zu
Ross uns ermahnende Moralist zum intoleranten Hasser und Neider, der
theoretische Pazifist im praktischen Bewährungsfalle zum Imperialisten und der
Anwalt der abstrakten sozialen Gerechtigkeit zum herrschsüchtigen Streber wird.»
Dank seiner Tätigkeit als Professor der
Nationalökonomie hatte Röpke eine tiefgründige Kenntnis der
wirtschaftspolitischen Zusammenhänge. Diese Kenntnisse erlaubten es ihm, die
Wirtschaftspolitik in den Kontext der gesellschaftlichen Krise seiner Zeit zu
stellen. Beispielhaft ist seine Kritik an der Geldpolitik mit ihrem Hang zu
verantwortungslosem Umgang mit dem Geld. «Es ist, um es kurz zu sagen, der
heutige Superstaat mit seinem Superbudget, seiner Superbesteuerung und seinem
Superprogramm des Wohlfahrtsstaates, der sich zu einem riesigen Apparat der
Entsparung entwickelt hat, damit aber zugleich zu einem Apparat der Inflation
und des zunehmenden Zwanges.» Röpke forderte nicht zuletzt deshalb die Rückkehr
zum Goldstandard.
Einwanderung
kontrollieren
Entgegen vielen Liberalen und vor allem
Scheinliberalen getraute sich Röpke übrigens auch, die Masseneinwanderung
kritisch zu hinterfragen:
«Was die
Masseneinwanderung betrifft, so besteht zweifellos nicht nur das Recht, sondern
sogar die Pflicht jeder Nation, sie einer qualitativen Kontrolle zu
unterwerfen, die das geistige Patrimonium, die politische Tradition, den
ethnisch-sprachlichen Charakter und die soziale Struktur des Landes vor einer
unter diesen Gesichtspunkten unerwünschten Einwanderung schützt.»
Röpke, der lange Zeit in der Schweiz
lebte, fand auch immer wieder lobende Worte für die Eidgenossenschaft. Die
Schweiz war für ihn eine Art zweiter Heimat geworden. Die Schweiz dürfe man «der
übrigen nach Orientierung strebenden Welt als höchst lebendige und überzeugende
Entkräftung der Behauptung vorhalten, dass die Grundprobleme der
Massenzivilisation, der Demokratie und die Moralkrise des Abendlandes unlösbar
seien.»
Röpke setzte sich immer für
übersichtliche, dezentrale Strukturen ein und kritisierte
Zentralisierungsbestrebungen, weil diese letztlich eine Anmassung von Macht
bedeuten, z.B. auf internationaler Ebene:
«Unter der
falschen Flagge der internationalen Gemeinschaft ist auf diesem Felde ein
Apparat der internationalen Konzentration, der Zusammenballung, der Uniformität
und der Wirtschaftslenkung entstanden, der sowohl im Rahmen der Vereinigten
Nationen und ihrer Zweigorganisationen wie innerhalb der kontinentalen Gebilde
vom Muster der Europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft immer mehr Macht an
sich zieht und einer immer zahlreicheren Bürokratie Privilegien, Einfluss und
steuerfreies Einkommen sichert.»
Dies ist eine schallende Ohrfeige an all
die Scheinliberalen, die heute den Nationalstaat auf dem Altar eines vereinten
Europas opfern wollen.
Röpkes Verdienste sind zahlreich. Aber
auch als Mensch war Röpke ein Vorbild. Der österreichische Nobelpreisträger
Friedrich August von Hayek sagte einmal über ihn: «Aber eine Gabe darf ich
hervorheben, für die wir, seine Kollegen, ihn besonders bewundern – vielleicht
weil sie unter Gelehrten die seltenste ist: Es ist sein Mut, die Zivilcourage.»
Ohne Scheu, als hinterwäldlerisch bezeichnet zu werden, kritisierte Röpke die
gesellschaftlichen Verfallserscheinungen seiner Zeit, auch wenn diese als
modern und fortschrittlich galten.
Feste
Wertordnungen
Dieser immer wieder betonte Dualismus –
einerseits Eintreten für die persönliche Freiheit des Menschen; andererseits
die Überzeugung, dass nur eine Gesellschaft mit festen Wertordnungen auf Dauer
bestehen kann – macht Röpke zu einem einzigartigen Liberalen. Kaum ein anderer
hat diese gegenseitige Abhängigkeit von Freiheit und Tradition so erkannt wie
Röpke. Heute gilt es statt dessen als liberal, sich vornehm von allem
Hergebrachten zu distanzieren. Es bleibt die Aufgabe der liberal-konservativ
denkenden Menschen in der Schweiz wie überall in der Welt, Röpkes Gedanken zu
erhalten und weiter zu tragen. Nehmen wir diese Aufgabe wahr!
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