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Interview mit Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der "Weltwoche" äussert
sich in einem Exklusiv-Interview für die «Schweizerzeit» zur
Eigenverantwortung, zur Klimahysterie, zu Integrationsproblemen und über seine
Faszination für die Schweiz.
Wo
sehen Sie gegenwärtig das gewichtigste Problem der Schweiz?
Roger Köppel: Ich
glaube, ein Thema ist überragend: Es gibt eine klassische politische
Konfliktlinie zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor. In den letzten
dreissig Jahren hat sich der öffentliche Sektor – das heisst der Staat – auf
Kosten privatautonomer Gestaltungsmöglichkeiten immer mehr Aufgaben angeeignet
bzw. angemasst. Diese Entwicklung ist auch von den Medien mehrheitlich nicht in
Frage gestellt worden. Als liberaler Journalist ist es wichtig, den Prinzipien
des freien Wettbewerbs, der Deregulierung und der Eigenverantwortung wieder
mehr Gewicht zu verleihen. Konkret auf die Schweiz bezogen, stellt sich
insbesondere die Frage, wie die finanziell angeschlagenen Sozialwerke
reformiert werden können. Diese eklatante Missbrauchsanfälligkeit darf nicht
noch mit neuen Steuererhöhungen finanziert werden.
Prinzip
Eigenverantwortung
Welche
Auswirkungen hat das Anwachsen des Staates auf die Arbeitsmoral in der
Bevölkerung?
Roger Köppel: Die
Wertschätzung des Eigentums hat in den letzten dreissig Jahren gelitten. Die
Zunahme von Kollektiveigentum geht damit einher. In der Schweiz ist das Prinzip
Eigenverantwortung bisher hoch gehalten worden: Wenig Gesetze und tiefe Steuern
sind ein Erfolgsmodell. Das Bewusstsein, den Franken zuerst zu verdienen, bevor
man ihn ausgeben kann, ist nicht zuletzt durch das gewaltige Anwachsen des
Staates aufgeweicht worden. Der Mensch ist seit über 35'000 Jahren Jäger und
Sammler. Wenn man ihm etwas hinstellt – z. B. Sozialleistungen – nimmt er sie
mit. Wenn man ihm nichts hinstellt, wird er selbst kreativ. Eine erfolgreiche
Gesellschaft basiert auf den Maximen Eigenverantwortung und Kostenwahrheit. Es
geht nicht an, dass gewisse Gruppierungen ihren Lifestyle über die
Allgemeinheit finanzieren lassen. Jeder soll sein Leben selbst finanzieren und
nicht z.B. die Kinderbetreuung den Krippen überlassen, für welche die
Allgemeinheit aufzukommen hat.
Wo
sehen Sie die Zukunft der Familie, eigentlich der Keimzelle jeder Gesellschaft,
in der heutigen Gesellschaft mit Singles, Geschiedenen und Alleinerziehenden?
Roger Köppel: Die
Bedeutung der Familie als ökonomische Kernzelle der Gesellschaft wird wieder
zunehmen, gerade als Art privatisierte Altersvorsorge. Denn die Leute verlieren
das Vertrauen in den Sozialstaat angesichts der Finanzierungsdefizite. In den letzten
dreissig Jahren wurde die Familie systematisch sabotiert. Es wurden sogar
staatliche Anreize geschaffen, aus der Familie auszuscheren. Die Familie ist
aber eine derart bewährte und uralte Institution, sie wird auch diese
unsicheren Zeiten überstehen.
Welche
Bedeutung haben Werte, insbesondere auch Traditionen, in der schnelllebigen
Zeit von heute?
Roger Köppel: Ich bin
keine Soziologe und Weltdeuter, aber ich sehe es so: Eine offene Gesellschaft
wie die Schweiz hat Korrekturmechanismen (direkte Demokratie, freie
Meinungsäusserung), die es erlauben, immer wieder auf die Urwahrheiten in der
Gesellschaft zurückzukommen und dabei bleibt: Kostenwahrheit,
Eigenverantwortung, schlanker Staat, tiefe Steuern.
Traditionen sind
geronnene Erkenntnisse, zum Teil aus Erfahrungen über Jahrtausende. Sie sind
keine schlechten Wegweiser. Es macht wenig Sinn, immer gleich alles über den
Haufen zu werfen, statt auf bewährten Fundamenten aufzubauen und mit einer
gewissen Bescheidenheit zu fragen, ob eine Reform wirklich besser ist als der
status quo. Es ist immer eine gewisse Kränkung des eigenen Egos, nichts Neues
bewegen zu können, sondern sich in eine Tradition einreihen zu müssen.
Natürlich muss man Traditionen in Frage stellen, aber man sollte sie nicht a
priori versenken.
Parallelgesellschaften
In
letzter Zeit häufen sich auch Meldungen, die aufzeigen, dass es Probleme bei
der Integration gibt: Parallelgesellschaften, zunehmende Kriminalität und
Sozialmissbrauch. Hat die Schweiz ein Ausländerproblem?
Roger Köppel: Es gibt so
etwas wie ein Phänomen der Parallelgesellschaften. Das Problem besteht darin,
dass überproportional viele Ausländer kriminell sind und vom Sozialstaat
profitieren. Dieses Problem ist auch von den Medien jahrelang tabuisiert
worden. Was mich als Journalist immer bewegt hat, ist der naive Glaube, man
könne die Ausländerproblematik mit sozialstaatlicher Steuerung handhaben.
Letztlich betrieb die Schweiz eine verfehlte Ausländerpolitik: Einerseits
wurden die Arbeitsmärkte abgeschottet, andererseits ist der Weg in den
Sozialstaat zu einfach.
Ich bin ein Skeptiker
der sogenannten Integrationsindustrie und stattdessen der Überzeugung, dass der
beste Ort für die Integration von Ausländern immer noch der Arbeitsmarkt ist.
In den letzten Jahren vollzog sich die Zuwanderung aber nicht mehr in den
Arbeitsmarkt, sondern in den Sozialstaat. Das schafft falsche Anreize und
vergiftet letztlich das Verhältnis zwischen Ausländern und Schweizern.
In der Schweiz gibt es
eine gewisse Skepsis gegenüber zu viel Einwanderung, da man als Kleinstaat
seine Identität erhalten will. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Ich denke,
die Schweiz sollte sich wie eine gute amerikanische Universität verhalten: Wir
wollen die besten Leute aus der ganzen Welt. Aber wir sind kein Abstellplatz.
Wir brauchen eine selektive Ausländerpolitik.
Die
Bücklinge anlässlich der Mohammed-Karikaturen, das ständige Nachgeben gegenüber
Forderungen nach Sonderrechten aus muslimischen Kreisen erwecken den Eindruck,
der Westen betreibe hier eine Art modernes Appeasement. Muss der Westen den
Muslimen gegenüber wieder deutlichere Worte wählen?
Roger Köppel: Ich
veröffentlichte damals als Chefredaktor der «Welt» die Mohammed-Karikaturen und
erhielt sogar Todesdrohungen deswegen. Beim Konflikt um die Mohammed-Karikaturen
hat man eine stark vorauseilende, emphatische Haltung an den Tag gelegt und
nicht deutlich genug gesagt, welche Spielregeln hier gelten; aus Rücksicht auf
die Muslime, welche schon im Land leben. Der Westen muss Kulturen, die völlig
andere Identitätsvorstellungen haben, unmissverständlich kommunizieren, dass
hier ein Anpassungsdruck besteht; insbesondere bei Kulturen, wo die Religion
nicht Privatsache ist, sondern immer noch ins Politische hineingeht.
Ich hoffe fest darauf,
dass vor allem in muslimischen Kreisen die Fähigkeit zur Selbstkritik – auch
ein Element der Eigenverantwortung – zunimmt und man nicht ewig Israel und den
USA die Schuld gibt, dass man sich seit siebenhundert Jahren wirtschaftlich und
kulturell auf dem Rückzug befindet.
Momentan
ist die Frage nach dem Klimawandel ein vieldiskutiertes politisches Thema. Wie
beurteilen Sie die gegenwärtig geführte Klima-Diskussion?
Roger Köppel: Ich bin
immer sehr skeptisch gegenüber Kollektivhysterien basierend auf hochkomplexen
Systemen, bei denen man die Problemursachen nie genau eruieren kann. Politiker
verlangten als Reaktion auf den IPCC-Bericht sofort Verbrauchsquoten. Solche
zentralstaatlichen Regelungen machen mich skeptisch. Die Vehemenz, mit der die
Diskussion geführt wird, im Sinne einer Bekämpfung derer, die anderer Meinung
sind, macht misstrauisch. Die Wissenschaftler lassen sich in einen
polit-wissenschaftlichen Prozess einspannen. Wenn der IPCC-Vorsitzende Rajendra
Pachauri sagt, das Ziel seiner Berichte sei es, die Politiker zu schockieren,
dann läuten bei mir die Alarmsirenen.
Die
EU hat sich z. B. sofort dem Thema angenommen. Worin könnten deren
Handlungsmotive liegen?
Roger Köppel: Man einigt
sich auf ein Thema, das leichten Konsens verspricht. Gleichzeitig entkommt man
den schwierigen, konkreten Reformproblemen zu Hause. Es ist nicht
unintelligent. Von den heute redenden Politikern wird sich niemand für erzielte
oder nicht erzielte Wirkungen rechtfertigen müssen. Am schlimmsten ist der Ruf
nach neuen Steuern und Regulierungen.
Was
ist Ihr Standpunkt in dieser Frage?
Roger Köppel: Ich bin
Journalist, also Skeptiker. Wenn alle in eine Richtung rennen, muss ich
dagegenhalten. Wenn alle gleicher Meinung sind, ist es ungesund. Angesichts der
Gletscherentwicklung in der Schweiz würde ich sagen: Es wird sicher nicht
kälter. Ich bin kein Apokalyptiker und habe das Gefühl, die Menschen wissen
sich anzupassen und sind erfinderisch. Das politische Geschwafel macht mich
misstrauisch.
Reichen
denn in der Umweltfrage private Anstrengungen aus?
Roger Köppel: Die
Gegenfrage ist, wer sich anmassen darf, zum Sachwalter des Klimas zu werden?
Früher gab es Truppen, die sich zum Sachwalter des Gemeinwohls gemacht haben.
Es ist ein klassisches Problem, da die Natur eine Sache der Allgemeinheit ist.
Wäre sie dem privatrechtlichen Eigentumsbegriff unterworfen, dann würde der
Eigentümer eine Ausbeutung nicht zulassen. Man kann nicht einfach aus
wissenschaftlichen Erkenntnissen in hochkomplexen Vorgängen die Notwendigkeit
einer – pointiert formuliert – Klimadiktatur ableiten.
Die meisten Medien in der
Schweiz liegen heute mehr oder weniger auf derselben linksliberalen
Mainstream-Linie. Warum?
Roger Köppel: In den 90er-Jahren bestand in der
Schweiz die Tendenz, dass Meinungsvielfalt zu Meinungseinhalt geworden ist. Zum
einen bildete sich ein journalistischer Kuchen, der sich gegenseitig bestätigte
und bestärkte, andererseits abweichende Meinungen bekämpfte. Viele gute
Journalistenvorbilder kamen zudem aus der 68er-Generation mit entscheidenden Journalistentugenden
wie Respektlosigkeit und Frechheit. Zum Teil waren die Redaktionen auch zu
stark von den marktwirtschaftlichen Realitäten des Journalismus, also die
strenge Trennung von Verlag und Redaktion, losgelöst. Dies begünstigte
ebenfalls die antikapitalistische Denkrichtung der Journalisten und legte eine
Art WG-Mentalität an den Tag. Aber ich denke, das bricht langsam auf, nicht
zuletzt auch aufgrund der Weltwoche.
Deutschland hat während
seiner EU-Ratspräsidentschaft angeregt, ein europaweites Antirassismusgesetz zu
verabschieden. Die Schweiz kennt bereits ein ähnliches Gesetz. Wie beurteilen
Sie solche Gesetze?
Roger Köppel: Es wäre verheerend, wenn ein solches
Antirassismusgesetz auf europäischer Ebene eingeführt würde. Es wäre geradezu
ein Rückfall in eine Zeit vor der Aufklärung. Die Befürworter solcher
sprachpolizeilichen Massnahmen haben zum Teil nicht ganz verstanden, welches
wirklich das Kernelement unserer offenen Gesellschaft ist: Die
Meinungsäusserungsfreiheit. Der Staat muss sich um Zustimmung der Bevölkerung
bemühen, er kann diese nicht per Dekret einfordern. Der Antirassismusartikel
widerspricht diametral dem Prinzip der Freiheit des Einzelnen sowie der
Verantwortung der Gesellschaft, mit gewissen Leuten selbst fertig zu werden. Auch
ich halte den Holocaustleugner David Irving für einen grauenhaften Typen, aber
es ist völlig falsch, ihn für seine Thesen hinter Gitter zu sperren. In einer
offenen Gesellschaft muss man wirklich alles in Frage stellen können. Deswegen
bricht eine solche Gesellschaft nicht auseinander. Ich verstehe die historische
Herkunft des Artikels. Die Diffamierung gewisser Bevölkerungsgruppen stand
gerade in Deutschland am Anfang einer Kontinuitätskette, die zu
Massenvernichtungen führte. Aber wir reden heute von Gesellschaften, die über
stabile Institutionen verfügen. Die potentiell gefährdeten Personen stehen
unter dem Schutz des Gesetzes, im Gegensatz zum Deutschland der 30er Jahre.
Deutschland brach auch nicht aufgrund der Verbalinjurien gewisser Parteien auseinander,
sondern weil man die demokratische Verfassung von oben systematisch ausser
Kraft zu setzen begann. Notabene bereits im bürgerlichen Zeitalter. Hitler
wurde nicht an die Macht gewählt, sondern von einer politischen Elite
installiert, die glaubte, ihn unter Kontrolle behalten zu können. Ein
verhängnisvoller Fehler.
Als Chefredaktor der
Zeitung „die Welt“ waren Sie für längere Zeit in Deutschland tätig. Welche
Erfahrungen nahmen Sie mit in die Schweiz zurück?
Roger Köppel: Deutschland ist mir immer sympathisch
gewesen, ich bin Vierteldeutscher. Aber ich habe das Land noch vielschichtiger
und interessanter erlebt, als es mir vorher bewusst gewesen ist und ein
besseres Verständnis für deutsche Eigenarten entwickelt. Jedes Land basiert auf
einer eigenen Entwicklung und hat eine eigene Tradition, und jede davon hat auf
eine Art ihre Gültigkeit. Dieser Respekt vor den Eigenarten der verschiedenen
Nationen ist in den letzten Jahren etwas verloren gegangen. Man bildet sich
ein, mit einem platten Universalismus alles über eine Leiste schlagen zu
können.
Welches Fazit ziehen Sie
nach Ihrem Deutschlandaufenthalt für die Schweiz?
Roger Köppel: Die Schweiz muss sich gar nicht
verstecken. Die Schweiz ist ein Land mit ausgeprägten Stärken, auch mit
gewissen Schwächen, etwa ihre Kleinheit. Die Schweiz hat aber Mittel gefunden,
mit diesen Schwächen umzugehen und diese sogar zu Stärken umzumünzen. Seit
meinem Deutschlandaufenthalt sehe ich die Schweiz in einem noch besseren Licht.
Je länger ich über die Schweiz nachdenke, desto faszinierter bin ich von diesem
Land und seiner Geschichte. Die Schweiz erweist sich als unglaublich
anpassungsfähig und konnte selbst schwierigste Situationen erfolgreich
meistern. Nicht deshalb, weil es ein paar Churchills gegeben hat, sondern weil
die nötigen Impulse immer aus dem Volk gekommen sind. Die Schweizer sind
einfach ein klassisches „No-Bullshit-Volk“. Man lässt sich nicht irgendwelchen
Unsinn verkaufen und läuft nicht blind dem Zeitgeist hinterher, wenn jemand
z.B. sagt, die Demokratie müsse man jetzt abschaffen und den Kollektivismus
einführen. Durch die direktdemokratische Teilhabe des Volkes an der politischen
Herrschaft entsteht hier ein ganz anderes Verantwortungsbewusstsein der Politik
gegenüber. Die Schweizer sind sehr gut informiert über die Vorgänge in der EU,
zum Teil besser als die Bevölkerungen der EU-Länder. Es besteht zwar eine
gewisse Tendenz hin zur Selbstgefälligkeit. Aber letztlich kann sich die
Schweiz heute mit sehr guten Voraussetzungen dem Wettbewerb stellen.
Wie konnten sich in der
Schweiz solche erfolgreichen Werte herauskristallisieren?
Roger Köppel: Unsere geographische Lage, die
Alpenpässe waren ein Schutz vor fremden Staaten sowie vor militärisch bedingten
Zentralisierungstendenzen in der europäischen Geschichte. Wir hatten einen
natürlich Schutz und konnten unser anarchoföderalistisches,
direktdemokratisches Staatswesen bewahren. Der karge Boden hat die Bevölkerung
zu Tüchtigkeit gezwungen. Die Schweizer begannen deshalb auch früh mit dem
Export, zuerst in Form von Söldnern, dann in Form hochwertiger,
wertschöpfungsintensiver Güter. Die Schweiz war quasi ein frühglobalisiertes
Land. Die angebliche Isolation des Landes ist eine Mär, die weder heute noch
gestern eine Berechtigung hat. Leider wird solcher Unsinn heute noch
unwidersprochen verbreitet.
Worin liegt genau der
entscheidende Vorteil der direkten Demokratie?
Roger Köppel: Die politische Klasse steht unter dem
Damoklesschwert dauernden Widerspruchs. Die Macht geht vom Volk aus. Der
politische Diskurs darf nicht abheben. Interessanterweise haben wir eine gute
Reformfähigkeit von unten. Die Fehlentwicklungen der letzten dreissig Jahre,
Etatismus, Abgabenexplosion, falsche Zuwanderungspolitik, Linksrutsch, sind von
unten an den Urnen korrigiert worden. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern
aus praktischen. Das Volk ist oft klüger als seine Führer. Dem trägt unser
System Rechnung.
Wie beurteilen Sie die
vielbeklagte Polarisierung im politischen Diskurs?
Roger Köppel: Polarisierung ist gut, wenn es um
echte Positionen und nicht um persönliche Profilierungen geht. Die politische
Auseinandersetzung ist ein Kern unserer Demokratie. Natürlich sollte man am
Schluss einen Konsens finden. Aber man darf nicht schon mit dem Kompromiss in
die Debatte steigen. Das sind Dekadenzerscheinungen. Interessant finde ich den
Aufstieg der SVP. Sie hat in einem Bauernaufstand das liberale Programm der
früheren FDP wieder an die Macht gebracht. Mittlerweile findet auch die FDP
stärker zu ihren bürgerlichen Traditionen zurück. Das allgemeine und sehr einseitige
SVP-Bashing in den Medien fand ich zusehends absurd und provinziell. Mal sehen,
was mit der SVP passieren wird, wenn sie länger den politischen Mainstream
beherrscht. Wird sie den gleichen Verfilzungen erliegen, von denen sich die FDP
allmählich erholt? Faszinierend an der Schweiz: Unsere grösste Rechtspartei,
die SVP, befasst sich nicht, wie in den USA, mit Fragen der Moral, der Drogen
und des Glaubens. Es geht uim Finanzpolitik, Sozialstaat, EU. Dieses Niveau
spricht für die Schweiz.
Ist das Schweizer
Staatsverständnis mit dem Aufbau der EU kompatibel bzw. kann die Schweiz
angesichts der realen Machtverhältnisse auf Dauer überhaupt noch unabhängig
bleiben?
Roger Köppel: Die Schweiz ist wirtschaftlich
gesehen aufs Engste mit der Welt verbunden. Die notwendige Kehrseite dieser
wirtschaftlichen Goldmedaille ist die politische Unabhängigkeit mit einem
überschaubaren System der direkten Demokratie; nicht irgendwo halbfusioniert
mit einem internationalen Gebilde. Dort resultiert, wie wir bei der EU sehen,
letztlich eine Ermächtigung der Exekutive auf Kosten der Legislative und bei
uns auf Kosten der Bevölkerung. Die Bürger in der EU wissen heute nicht mehr,
wo ihre Gesetze gemacht werden. In der Schweiz ist das Volk das Subjekt, das
sich eine Regierung gibt. In der EU ist es gerade umgekehrt. Diese Tendenz hin
zur Machtverlagerung ist überhaupt nicht kompatibel mit unserem Staatssystem.
Auch Singapur kann sich als souveräner
Nationalstaat erfolgreich in der globalisierten Welt behaupten. Alle heute
erfolgreichen Länder sind souveräne Nationalstaaten. Die EU als politische
Union muss demgegenüber diesen Erfolgsbeweis noch erbringen. Ich sehe ihn
nicht.
Sehr geehrter Herr Köppel,
herzlichen Dank für dieses Gespräch.
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