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Auf
welchen Grundprinzipien basiert die abendländische Kultur?
Eine zentrale Rolle spielten die
alten Griechen, gerade für den heutigen Freiheitsbegriff. Auch das Juden- und
Christentum oder das germanische Recht hatten einen bedeutenden Einfluss, ebenso
die Aufklärung. Jedoch meine ich die liberale schottische Aufklärung und nicht
die französische. Letztere überschätzte die Vernunft der Menschen und hat mit
ihrem Hang zu abstrakten, theoretischen Konstrukten den modernen Totalitarismus
begünstigt. Heute ist auch das Prinzip „gleiche Chancen für alle“ wichtig. Es
ist jedoch schwierig, eine Zivilisation bzw. deren Tradition akribisch genau zu
analysieren. Denn Zivilisationen sind gewachsene Produkte. Wichtig für eine
Zivilisation sind allgemeinverbindliche Regeln für das Leben, die Freiheit und
den Besitz.
Was
ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Errungenschaft der westlichen
Zivilisation?
Die Herrschaft der Regeln des
Gesetzes, des Rechtsstaates, zusammengefasst: „rule of law“. Es ist wichtiger,
nicht eingesperrt zu werden für etwas, das man nicht getan hat, als über eine
Kehrichtanlage abzustimmen. Bedenklich stimmen mich deshalb die Prozesse, wo
Menschen vorschnell von parteiischen Richtern verurteilt werden. In Frankreich wurden
13 unschuldige Menschen wegen Pädophilie verurteilt. Sehr wichtig ist auch eine
funktionierende Zivilgesellschaft mit echtem Pluralismus, Föderalismus und
einer blühenden Vereinskultur. Eine wichtige Bedeutung gerade für den
gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz hat auch unsere Milizarmee.
Jeder, ungeachtet seines Vermögens, seiner Sprache, seiner Bildung, hat
Militärdienst zu leisten.
Die westliche Kultur rühmt sich oft,
die Gleichheit der Menschen etabliert zu haben. Die Praxis scheint aber
hinterherzuhinken. Immer wieder wird beklagt, dass die Geschlechter nicht
tatsächlich gleichgestellt sind und Ausländer diskriminiert werden. Ihnen
gegenüber gebe es viele Vorurteile, so dass die nur rechtliche Gleichheit nicht
viel nütze. Reicht Leistung doch nicht, um Erfolg zu haben?
Viele tatsächliche Ungleichheiten
und Ungerechtigkeiten sind historisch bedingt. Der Liberalismus, der alle
Menschen vor dem Gesetz gleichstellt, hatte viele Hypotheken aus der
Vergangenheit zu übernehmen. Frauen hatten aber schon früher eine wichtige
Stellung in der Gesellschaft. Der Roman „Anne-Bäbi Jowäger“ zeigt deutlich die
Bedeutung der Frau bei wichtigen Entscheiden in der Familie.
Die Etablierung des
Leistungsprinzips ist ein langwieriger, aber erfolgreicher Prozess: In den USA
war mit Colin Powell ein Schwarzer Generalstabschef und Aussenminister. Derzeit
haben die USA mit Condoleeza Rice eine Frau und Schwarze als Aussenministerin.
Immer mehr sind auch Frauen in der Arbeitswelt gefragt. Wer etwas leistet,
setzt sich auch durch. Zurück bleiben jene, die sich selbst aufgegeben haben
und nur noch von den Maschinerien des Wohlfahrtsstaates ernährt werden. Der
Wohlfahrtsstaat untergräbt so nicht selten selbst die Leistungsbereitschaft. So
gesehen haben auch all die Gleichstellungsbüros und Antidiskriminierungsbüros
etwas Kontraproduktives. Sie zementieren den Opfermythos, mit dem sich die
Minderheiten selbst aufgeben.
Anderes Thema: Die Reaktionen
einiger Muslime auf die Mohammed-Karikaturen hat erneut die Frage aufgeworfen,
ob sich die abendländische Kultur gegen den Islam verteidigen muss? Wie sehen
Sie das Verhältnis vom Islam zum Westen?
Es gibt einen ideologischen Kampf
zwischen der westlichen Zivilisation und dem islamischen Extremismus, oder
besser: Dschihadismus. Wie damals beim Leninismus glaubt eine kleine Gruppe von
Leuten, ein Paradies auf Erden errichten zu können. Diese Leute haben ein
gefährliches Sendungsbewusstsein. Das führt zwangsweise in einen
Totalitarismus. Der Islamismus von heute ist durchaus mit dem Kommunismus zu
vergleichen.
Inwiefern wird der Westen
gefährdet bzw. ist er überhaupt noch widerstandsfähig?
In Europa grassiert eine geistige
Ermüdung. Ich sehe nirgends, wie sich Menschen für Ideen aufopfern. Dafür ist
der Glaube an den Erfolg des Dialogs hierzulande fast unermesslich. Dies
funktioniert vielleicht innerhalb Europas, aber nicht gegenüber dem Islamismus.
Ein Problem ist auch die tiefe Geburtenrate in den westlichen Staaten. Das
Manko an jungen Menschen wird durch Immigranten, oft Muslime, aufgefüllt.
Gerade Muslime aus den Maghreb- bzw. aus arabischen Staaten sind zum Teil sehr
empfänglich für die fanatischen Lehren des Islamismus.
Insbesondere bereitet mir aber Sorge,
wie wir aus falscher Rücksicht auf Minderheiten unsere Freiheitsrechte
untergraben. Wenn wir in Europa Mohammed-Karikaturen veröffentlichen wollen,
dann ist es unser Recht, dies auch zu tun. Unsere Freiheitsrechte mussten wir
uns über lange Zeit oftmals blutig gegen die Dominanz des Klerus erkämpfen. Wir
sollten sie nun nicht wieder fahrlässig preisgeben.
Auch in der Schweiz wird die
Meinungs- und Ausdrucksfreiheit beschränkt, etwa mit dem sogenannten
Antirassismusgesetz. Wie stehen Sie dazu?
Ich bin von Grund auf liberal und
deshalb der Meinung, dass jeder sagen darf, was er denkt. Die Meinungs- und
Ausdrucksfreiheit ist zentral zur Findung der Wahrheit, das wusste schon der
berühmte Philosoph Karl Pooper. Gewisse Ansichten unter Strafe zu stellen, auch
wenn sie falsch sind, finde ich bedenklich. Zudem ist dieses
Antirassismusgesetz unklar und einseitig. Verboten wird das Leugnen von
Völkermorden. Wo beginnt der Völkermord? Hat die Türkei an den Armeniern einen
Völkermord begangen? Schliesslich bleibt die Frage, warum das
Antirassismusgesetz nicht auch auf das Leugnen oder Verharmlosen von
sozialistischen Konzentrationslagern und Massenmorden, etwa Stalins Gulag,
angewandt wird?
Ich will hier in keiner Art und
Weise abstruse, pseudowissenschaftliche Äusserungen in Schutz nehmen. Dass ich
dies jedoch klarstellen muss, nur weil ich im Grunde die Redefreiheit
verteidigen will, wirft ein schlechtes Licht auf den Zustand unserer
Demokratie.
Muslimische Fundamentalisten
fordern zu Terrorakten auf, der Hass auf den Westen scheint grenzenlos. Wo
liegt die Ursache dafür?
Das hat zu tun mit der grossen
Stagnation der arabischen Staaten. Vor allem die jungen Araber sehen keine
Zukunft für sich, ähnlich wie die Deutschen nach dem 1. Weltkrieg. Der
Islamismus hat es dann leicht, diese Menschen mit dem Traum vom Kalifat zu
verführen.
Oft fehlt den Gesellschaften auch die soziale
Mobilität. Wer merkt, dass er trotz Leistung nicht in der gesellschaftlichen
Hierarchie aufsteigen kann, verliert seine Motivation. Das ist eine der
Ursachen für die Ausschreitungen in Frankreich. Die US-Gesellschaft dagegen ist
deshalb so erfolgreich, weil hier die soziale Mobilität spielt. Wichtig ist
gerade auch da die Rolle des Sports. Viele Secondos
sind heute z.B. erfolgreiche Fussballspieler. Das motiviert die jungen
Ausländer zur Integration.
Derzeit versuchen die
europäischen Staaten, eine Einigung voranzutreiben. Ist die Stärkung der EU
nicht ein Mittel, um dem Westen eine starke Stimme gegen die islamische Gefahr
zu geben?
Die EU ist heute keine Einheit.
Nicht einmal im Irakkrieg, wo man geschickt antiamerikanische Ressentiments
ausnutzen konnte, waren sich die europäischen Staaten einig: Italien, Spanien,
Polen etc. unterstützten die USA, Frankreich und Deutschland waren gegen den
Irakkrieg. Die EU zentralisiert zudem viele Entscheidungen auf europäischer
Ebene, welche die Nationalstaaten selbst besser treffen können.
Die Idee eines vereinten Europas
ist letztlich eine Art Ersatzreligion, vor allem für Intellektuelle, nachdem
der Kommunismus sein wahres Gesicht zum Vorschein gebracht hat. Intellektuelle
haben oft Mühe mit einer freien Gesellschaft, weil sie in dieser weniger
Autorität haben. Die EU ermöglicht zahlreichen Intellektuellen zahlreiche
Stellungen mit Autorität.
Ich bin ein überzeugter Europäer
und gerade deshalb ein EU-Skeptiker. Europa heisst Vielfalt. Die EU hingegen
zerstört mit ihrer Bürokratie und ihrem Drang zur Vereinheitlichung die
nationalen Besonderheiten in Europa.
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Hanspeter Born (67) studierte Anglistik
an der Universität Bern. Er war unter anderem Auslandredaktor bei Radio DRS in
Bern. Heute arbeitet er als Journalist der Weltwoche. Er war Leichtathlet bei
der GG Bern und erzielte 1965 die Schweizer Saisonbestleistung über 800 Meter. Berühmt
wurde Born vor allem durch seine Recherchen zum Fall B.Z., wo er eine
parteiische Justiz vermutete und an der Schuld von B.Z. zweifelte. Der Fall
wurde wieder aufgerollt und Born erhielt mit seinen Darlegungen recht.
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