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Letztes Jahr wäre Alexis de
Tocqueville, der grosse französische Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen und
Kritiker der Allmacht des Staates, 200 Jahre alt geworden.
Die hiesigen Medien scheuten sich offensichtlich, dieses
Jubiläum zu einer Auseinandersetzung mit de Tocquevilles nach wie vor gültigen
Gesellschafts-Analysen zu nutzen. Ob dieser Verzicht auf antifreiheitliche
Gesinnung unserer Medienlandschaft schliessen lässt? Auf der Grundlage
tatsächlicher Aussagen und Feststellungen de Tocquevilles, niedergelegt in
seinen zahlreichen Schriften, hat Patrick Freudiger ein fiktives Interview mit
dem bedeutenden Denker geführt.
Freiheit und Tradition
Frage:
Worin liegt der Wert der Freiheit, und wie kann diese in einer
freiheitlichen Staatsordnung garantiert werden?
Antwort:
"Was zu allen Zeiten das Herz mancher Menschen so stark für die Freiheit
eingenommen hat, sind ihre eigenen Reize, ihr eigener Zauber, ohne Rücksicht
auf ihre Wohltaten; es ist die Lust, unter dem alleinigen Regiment Gottes und
der Gesetze sprechen, handeln und frei atmen zu können. Wer in der Freiheit
etwas anderes als sie selber sucht, ist zur Knechtschaft geboren." (2; S.
34)
"Ich meinerseits glaube, dass in allen Regierungen,
wie immer sie seien, die Niedrigkeit sich der Stärke und die Schmeichelei der
Macht beigesellen. Und ich kenne nur ein Mittel, um zu verhindern, dass die
Menschen sich erniedrigen: es besteht darin, niemandem zur Allmacht die oberste
Gewalt zur Entwürdigung der Menschen zu gewähren." (1; S. 33)
Gleichzeitig betonen Sie auch den Wert von Traditionen
und Sitten.
"Die Religion, die Liebe der Untertanen, die Güte des
Fürsten, die Ehre, der Familiensinn, die Provinzvorurteile, Brauch und
öffentliche Meinung begrenzten die Macht der Könige und schlossen deren
Staatsgewalt in einen unsichtbaren Ring ein." (1; S. 48f)
"Die Gesetze sind immer unbeständig, soweit sie nicht
auf den Sitten ruhen; die Sitten bilden die einzige widerstandsfähige und
dauerhafte Macht in einem Volk." (1; S. 50)
"Damit sich eine Gesellschaft bilde und erst recht,
damit diese Gesellschaft gedeihe, müssen die Bürger immer durch einige
Grundideen zusammengeführt und zusammengehalten werden; (…)." (1; S. 61)
Individualismus - ein Bollwerk?
Ist nicht gerade der Individualismus, wonach jeder so leben solle, wie es
ihm gefällt, ein Bollwerk gegen den Totalitarismus mit dessen Uniformität?
"Der Despotismus, der seinem Wesen nach furchtsam ist,
sieht in der Vereinzelung des Menschen das sicherste Unterpfand seiner Dauer
und er bemüht sich gewöhnlich sehr sorgfältig, sie voneinander
abzusondern." (1; S. 105)
"Die Menschen sind hier nicht mehr durch Kasten,
Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden und sind daher
nur zu sehr geneigt, sich bloss mit ihren besonderen Interessen zu
beschäftigen, immer nur an sich selbst zu denken und sich in einen
Individualismus zurückzuziehen, in dem jede öffentliche Tugend erstickt wird.
Der Despotismus, weit entfernt gegen diese Neigung zu kämpfen, macht sie
vielmehr unwiderstehlich, denn er entzieht den Bürgern jede gemeinsame
Begeisterung, jedes gemeinschaftliche Bedürfnis, jede Notwendigkeit, sich
miteinander zu verständigen, jede Gelegenheit zu gemeinschaftlichem Handeln; er
mauert sie sozusagen im Privatleben ein."
(2; S. 112)
Individualismus, also Selbstverwirklichung, hat viel zu
tun mit Wohlstand. Welche Auswirkungen hat das Wohlstandsstreben der Menschen
auf die Gesellschaft?
"Nur auf das Reichwerden bedacht, bemerken sie nicht
mehr das enge Band, welches das Wohlergehen jedes einzelnen von ihnen mit dem
Gedeihen aller verknüpft. Man braucht solchen Bürgern die Rechte, die sie
besitzen, nicht zu entreissen; sie lassen sie selber gern fahren. Die
Auswirkung ihrer politischen Rechte erscheint ihnen als eine ärgerliche
Störung, die sie von ihrem Gewerbe abhält (…)".
"Reisst in diesem Augenblick ein geschickter
Ehrgeizling die Herrschaft an sich, so findet er eine offene Bahn für jegliche
Machtanmassung." (1; S. 105)
"Die Menschen schreiten also auf zwei verschiedenen
Wegen auf die Knechtschaft zu. Der Hang zum Wohlstand hält sie davon ab, sich
um die Regierung zu kümmern, und die Liebe zum Wohlstand macht sie von den
Regierenden immer abhängiger." (1; S. 108)
Grossreiche und Kleinstaaten
Wie beeinflussen Zentralisierung, Verwaltung und die Grösse eines Staates
die Freiheit?
"(…) heute aber, da alle Teile des gleichen Reiches
nach dem Verlust ihrer Freiheiten, ihrer Bräuche, ihrer Vorurteile und sogar
ihrer Überlieferungen und ihrer Namen sich gewöhnt haben, den gleichen Gesetzen
zu gehorchen, ist es nicht schwieriger, sie alle zusammen statt eine von ihnen
einzeln zu unterdrücken." (1; S. 86)
"Die Bürger geraten immerzu unter die Kontrolle der
öffentlichen Verwaltung; sie werden unmerklich und gleichsam unwissentlich
gedrängt, hier täglich einige weitere Teile ihrer persönlichen Unabhängigkeit
zu opfern (…)." (1; S. 88)
"Mithin lässt sich allgemein sagen, dass nichts dem
Wohl und der Freiheit der Menschen mehr entgegensteht als grosse Reiche."
(1; S. 55)
"Daher sind die kleinen Nationen zu allen Zeiten die
Wiege der politischen Freiheit gewesen." (1; S. 55)
Freiheit - Gleichheit
Die Französische Revolution, aus der die heutigen Staaten hervorgegangen
sind, wurde unter der Losung "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit"
ausgelöst. Kann denn die Gleichheit nicht mit der Freiheit in Konflikt geraten?
"Es gibt in der Tat eine kräftige und berechtigte
Leidenschaft für Gleichheit, die alle Menschen anspornt, stark und geachtet
sein zu wollen. Diese Leidenschaft will die Kleinen in den Rang der Grossen
erheben; aber im menschlichen Herzen lebt auch eine entartete Gleichheitssucht,
die die Schwachen reizt, die Starken auf ihre Stufe herabzuziehen. Sie
verleitet die Menschen, einer Ungleichheit in der Freiheit die Gleichheit in
der Knechtschaft vorzuziehen."
(1; S. 79)
"Nicht das werfe ich der Gleichheit vor, dass sie die
Menschen zur Jagd nach verbotenen Genüssen treibt; sondern dass sie sie mit dem
Begehren erlaubter Genüsse ganz und gar ausfüllt." (1; S. 81)
Verderblicher Wohlfahrtsstaat
Der Wohlfahrtsstaat ist ein populärer Ausdruck des Gleichheitsstrebens. Kann
der Wohlfahrtsstaat denn nicht auch die Freiheit gefährden?
"Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und
gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine
und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder
steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber (…).
Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende
Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu
überwachen. Sie ist unumschränkt, ins einzelne gehend, regelmässig, vorsorglich
und mild (…).
Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens
mit jedem Tag wertloser und seltener; sie beschränkt die Betätigung des Willens
auf einen kleinen Raum und schliesslich entzieht sie jedem Bürger sogar die
Verfügung über sich selbst." (1; S. 114)
In einer Demokratie können die Menschen selbst ihre
Freiheit erhalten. Frei will jeder sein. Gibt es auch in der Demokratie
Gefährdungen der Freiheit?
"(…) Sie nehmen die Bevormundung hin, indem sie sich
sagen, dass sie ihre Vormünder selber ausgewählt haben. Jeder duldet, dass man
ihn fessele, weil er sieht, dass weder ein Mann noch eine Klasse, sondern das
Volk selbst das Ende der Kette in den Händen hält. Bei dieser Ordnung der Dinge
treten die Bürger einen Augenblick aus ihrer Abhängigkeit heraus, um deren
Herren zu bezeichnen, und kehren wieder in sie zurück." (1; S. 115)
"Wohl billigen sie den allgemeinen Grundsatz, dass die
Staatsgewalt sich nicht in private Angelegenheiten einmischen soll; jeder aber
wünscht ausnahmsweise, dass sie ihm in seiner besonderen Angelegenheit helfe
und er sucht die Regierung für seine Sache zu gewinnen, während er sie für sie
alle anderen einschränken möchte. Da eine Menge Leute in einer Unzahl
verschiedener Dinge gleichzeitig so denken, dehnt sich der Bereich der
zentralen Gewalt unmerklich nach allen Seiten hin aus, obwohl jeder ihn
einzuengen wünscht."
(1; S. 101f)
Bedrohung Sozialismus
Völlige Gleichheit heisst letztlich Sozialismus. Nach welchen Mechanismen
funktioniert der Sozialismus?
"Es ist kein Zweifel, dass sich der Kampf der politischen Parteien bald
zwischen den Besitzenden und den Nicht-Besitzenden abspielen wird. Das grosse
Schlachtfeld wird das Eigentum sein; (…)." (zitiert nach 5; S. 117)
"So wahr ist es, dass Zentralisation und Sozialismus
Produkte desselben Bodens sind; (…)." (2; S. 117)
"Wenn ich mich nicht täusche (…) ist das erste Kennzeichen aller der
Systeme, die den Namen Sozialismus tragen, ein nachdrücklicher, ständiger,
übersteigerter Appell an die materiellen Begierden des Menschen." (zitiert
in 3; S. 118)
"(…) das letzte Kennzeichen, das meiner Ansicht nach
die Sozialisten aller Schattierungen und aller Schulen am stärk-sten
charakterisiert: ein tiefes Misstrauen gegenüber der Freiheit, gegenüber der
menschlichen Vernunft; eine tiefe Verachtung für die Person als solche, als
Mensch." (zitiert in 3; S. 118)
Die neue Despotie
Zum Schluss: Wie charakterisieren Sie diese neue Art von Despotismus, vor
dem Sie warnen?
"Käme es in den demokratischen Nationen unserer Tage
zum Errichten des Despotismus, so besässe er andere Merkmale. Er wäre
ausgedehnter und milder, und die Entwürdigung der Menschen vollzöge er, ohne
sie zu quälen."
(1; S. 107)
"Sobald man einen Despoten auftauchen sieht, so kann
man sicher sein, bald einem Rechtsgelehrten zu begegnen, der voller
Gelehrsamkeit beweisen wird, dass die Gewalt legitim ist und dass die Besiegten
schuldig sind." (4; S. 100)
Man rufe sich in Erinnerung: Diese zeitlosen Erkenntnisse
verfasste Alexis de Tocqueville vor über 150 Jahren. Vielleicht sollte heute an
den Schulen mehr de Tocqueville und dafür weniger Max Frisch gelesen werden.
Patrick Freudiger
Sämtliche Textstellen zitiert aus: Gerd Habermann
(Hrsg.): "Freiheit oder Gleichheit - ein Alexis de Tocqueville-Brevier,
Ott-Verlag, Thun 2005".
Die einzelnen Zitate werden mit einer vorangestellten
Nummer zitiert und stammen aus folgenden Werken:
1) De Tocqueville, Alexis: "Über die Demokratie in
Amerika"
2) De Tocqueville, Alexis: "Der Staat und die Revolution"
3) Landshut, Siegfried: "Alexis de Tocqueville. Das Zeitalter der
Gleichheit. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk". Stuttgart 1954
4) Salomon Albert: "Alexis de Tocqueville: Autorität und Freiheit".
Zürich 1935
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