Privatsphäre ist kein Privileg

Datenschutzbeauftragte sind vielbeschäftigte Menschen: Ende September dieses Jahres beispielsweise trafen sich die amtlichen Datenschützer dieser Welt in Warschau zur 35. Internationalen Konferenz der Datenschutzbeauftragten. Sie fassten Beschlüsse etwa betreffend technische Massnahmen gegen die Nachverfolgung der individuellen Internetnutzung oder zur Profilbildung. Bereits im Mai dieses Jahres fand in Lissabon die europäische Konferenz der Datenschutzbeauftragten statt.

Die Wichtigkeit des Datenschutzes soll nicht in Frage gestellt werden. Doch die regelmässigen Wallfahrten der Datenschutzbeauftragten wirken etwas surreal. Es darf beispielsweise bezweifelt werden, ob sich der US-Auslandgeheimdienst NSA künftig aufgrund solcher Datenschutzkonferenzen davon abhalten lassen wird, auch künftig reihenweise Personen auszuschnüffeln. Vor allem aber muss einmal die grundsätzliche Frage gestellt werden: Was können ein paar Datenschutzbeauftragte ausrichten, wenn uns selbst jedes Bewusstsein für den Wert der Privatsphäre abhandengekommen ist?

Ohne Scheu stellt der moderne Mensch von heute intimste Details aus seinem Privatleben im Internet öffentlich zur Schau. Sei es über „facebook“ oder per Video („youtube“). Das Niveau ist gegen unten offen. Prominente gehen mit ungutem Beispiel voran: Das Model Joanna Tuzcynska verkündete über „facebook“ das Ende ihrer Beziehung mit dem ehemaligen Fussballprofi Lothar Matthäus. Unterhaltungs-Shows wie „Big Brother“ garantieren gute Einschaltquoten: Ein paar Menschen – nicht selten aus den Reihen der Cervelatprominenz – begeben sich freiwillig in einen Container und das Fernsehen überträgt ihr dortiges „Leben“. Die Schweizer Moderatorin Michelle Hunziker („Wetten, dass?“) meldete sich sogar unmittelbar vor der Geburt ihrer (zweiten) Tochter aus dem Gebärsaal in ein italienisches Fernsehstudio – live, versteht sich.  In dieser Zeit der medialen Prostitution der Persönlichkeit mögen auch Politiker nicht zurückstehen. CVP-Präsident und Nationalrat Christophe Darbellay beispielsweise machte seine Hochzeit zum öffentlichen Ereignis und verriet dem „Blick“, wie es zum Ja-Wort gekommen ist: „Beim Cervelat-Bräteln machte ich ihr den Antrag.“ Selbst seinen Kinderwunsch offenbarte er dem Boulevardblatt.

Der Bürger macht sich zum gläsernen Objekt – und entwertet sich selbst. Wem sogar ein Cervelat Grund genug ist, die öffentliche Aufmerksamkeit für sich in Anspruch zu nehmen, der wird früher oder später zum Cervelat-Promi. Die Sensationsgier der Öffentlichkeit und namentlich der Boulevardpresse gewährleistet die entsprechende Nachfrage. Kein Wunder, verschwindet die Trennung zwischen öffentlich und privat zusehends. Das bleibt nicht ohne negative Auswirkung auf die persönliche Freiheit. Wenn Private fahrlässig bereit sind, die Grenzen der Privatsphäre zu öffnen,  sinkt auch die Hemmschwelle für den Staat, in der Privatsphäre der Menschen zu schnüffeln. Dabei reicht es nicht, mit dem Finger auf die USA und die teilweise fragwürdigen Bürgerrechtseingriffe im Zug der Antiterror-Gesetzgebung zu zeigen. Auch bei uns schnüffelt der Staat: So will der Fiskus je länger je mehr lückenlose Auskunft über die Bankkonten seiner Bürger. Der automatische Informationsaustausch zwischen Staaten droht zum weltweiten Standard zu werden. Angesichts knapper öffentlicher Finanzen wird der Schutz der Privatsphäre schnell zweitrangig.

Um es mit dem US-amerikanischen Politiker Wendell Philipps zu sagen: „Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.“ Privatsphäre ist kein Privileg, über das wir ganz selbstverständlich verfügen. Wenn wir selbst nicht bereit sind, Privates privat zu belassen, fehlt uns auch die notwendige Sensibilität gegenüber dem Überwachungsstaat. Diese Wachsamkeit kann uns kein Datenschutzbeauftragter abnehmen.

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